Montag, 16. August 2010

Doppelt hält besser




Was für ein Morgen. Ich fühle mich noch total benommen, als ich ins Bad wanke und mir Wasser ins Gesicht spritze, um einen Geisteszustand zu erreichen, der wenigstens entfernte Ähnlichkeit mit dem der Wachheit hat. Nicht, dass es funktioniert. Gähnend schlurfe ich in die Küche, setze türkischen Schwarztee auf und setze mich an meinen kleinen Küchentisch. Draußen regnet es. Auch gut. Kann man wenigstens in Ruhe die Zeitung lesen, ohne dass einen die Sonne blendet.

Die Geräusche, die aus der Wohung nebenan an mein Ohr dringen, klingen heute so laut, denke ich verwundert. Der Wecker reißt mich aus meinen Gedanken. Der Tee ist fertig. Ich will gerade aufstehen, um die Kanne zu holen, da höre ich laut und deutlich, wie der Wasserhahn in meinem Bad betätigt wird. Das kann doch nicht sein. Ich habe die Nacht alleine verbracht. Wer soll denn da in meinem Bad sein? Träume ich etwa noch? Dann müsste ich jetzt, wo ich mir diese Frage stelle, ja aufwachen.

Doch nichts dergleichen. Ich wache nicht auf, sondern höre mit wachsendem Entsetzen, wie der Wasserhahn abgedreht wird und sich meiner Küche Schritte nähern. Ein Einbrecher vielleicht? Aber welcher Einbrecher wäscht sich denn in aller Seelenruhe die Hände, bevor er an sein diebisches Werk geht? Während ich noch vor mich hin grübele, kommen die Schritte näher und - mir stockt der Atem - die Küchentür geht auf.
Ein Mann schlurft verschlafen herein und blickt sich suchend aus halbgeöffneten Augen um. Schließlich entdeckt er die Teekanne, die ich auf dem Kühlschrank abgestellt habe, anscheinend hat er die gesucht. Er greift zum Paket mit dem Tee, den ich im Türkenladen gekauft habe, und macht Anstalten, die Kanne damit zu füllen. Als er bemerkt, dass die Kanne bereits voll ist, macht er ein erstauntes Gesicht und murmelt Unverständliches in verwundertem Tonfall.

Erst jetzt fällt mir auf, was ich in der ersten Schrecksekunde gar nicht bemerkt habe: Der Mann sieht aus wie ich. Nicht nur annähernd oder beinahe, nein, genauso. Er trägt auch die gleichen Klamotten wie ich, eine dunkelgrüne Unterhose und ein verwaschenes T-Shirt - wüsste ich es nicht besser, würde ich annehmen, dass er gerade aus meinem Bett aufgestanden ist. Mich scheint er gar nicht zu bemerken, er macht sich weiter an der Teekanne zu schaffen. Er leert den bereits fertig gezogenen Tee aus und füllt die Kanne von neuem - offenbar glaubt er, er habe einfach nur vergessen, sie nach dem letzten Gebrauch zu leeren.

So kann es nicht weitergehen. Ich muss endlich aktiv werden, ins Geschehen eingreifen, anstatt nur passiv und verschreckt hier herumzusitzen und meinen Doppelgänger dabei zu beobachten, wie er seelenruhig eine neue Ladung Tee aufsetzt. "Hey", spreche ich ihn an. "Was machst du denn hier? Wer bist du und woher kommst du überhaupt? Und wie bist du hier hereingekommen?" Er runzelt ein wenig die Stirn, als ob er über etwas bestimmtes nachdächte, aber er schaut nichtmal in meine Richtung. Hört er mich nicht oder ignoriert er mich etwa? Ich brauche Gewissheit. Meine Schockstarre überwindend stehe ich auf, gehe zu ihm hin und packe ihn am Arm. Er reagiert nicht, kratzt sich nur unwillkürlich an der Stelle, wo ich ihn angefasst habe. Für ihn scheine ich gar nicht da zu sein. Er frühstückt ausgiebig, holt sich die Zeitung aus dem Briefkasten und setzt sich an meinen Computer, wo er beginnt, das Interview, das ich gestern geführt habe, abzutippen.

Ratlos setze ich daneben. Anscheinend werde ich nicht mehr gebraucht. Jemand anderers hat meinen Platz im Leben eingenommen - was heißt jemand anderes? Er sieht ja genauso aus wie ich, er frühstückt genauso, er liest genauso die Zeitung und nun macht er genauso wie ich sonst meine Arbeit. Mir bleibt bei alledem nur noch die Rolle des unbeteiligten, ja, des unsichtbaren Zuschauers. "Was soll's", denke ich, ergebe mich seufzend in mein Schicksal und setze mich wieder in die Küche. Aus reiner Gewohnheit greife nach der Zeitung, die er (oder ich?) liegengelassen hat und lese die Schlagzeile: "Chinesischer Wissenschaftler will weiterhin Pandabären klonen".


Autor: Oliver Marquart

Dienstag, 20. Juli 2010

Sommerloch



Nirgends ist der urbane Mensch so einsam wie in der Sommerhitze. Unbarmherzig knallt die Sonne auf den homo transpirensis nieder.Die Straße strahlt Wärme ab wie eine Herdplatte. In den Häuserschluchten regt sich nicht das leiseste Lüftchen. Nur wenige Menschen haben überhaupt einen Grund gefunden, ihre Häuser zu verlassen, vermutlich liegt ihre Wohung auf der Südseite des Hauses. Halb betäubt schleichen sie durch die asphaltierte Steppe. An eine Kontaktaufnahme ist nicht zu denken (und auch an sonst nichts, denn zum Denken braucht man einen kühlen Kopf).

Ich schwitze, obwohl ich mich nur äußerst langsam vorwärts bewege und versuche, den sonnigen Abschnitten aus dem Weg zu gehen (Sunny side of the street? Am Arsch.). Der Schweiß rinnt mir in mehreren Bächen den Körper hinunter. Da er dies schon seit geraumer Zeit tut, haben sich bereits einige unangenehm klebrige Stellen gebildet. Ich habe vor nicht mal eine halben Stunde kalt geduscht (zum vierten Mal seit dem Aufstehen), aber ich fühle mich schon wieder schmutzig. In diesem Zustand möchte man niemanden umarmen, von längerem körperlichen Kontakt ganz zu schweigen.

Zwei Mädchen kommen mir entgegen, sie haben kaum ein Stück Stoff am Leib. Beide tragen enge weiße Hotpants, die eine ein trägerloses schwarzes Oberteil, die andere ein tief ausgeschnittenes, ärmelloses Top. Beide sind von der Hitze gezeichnet, ihre Nasen glänzen, ihre nackten Beine tragen sie ohne Anmut über den glühend heißen Gehweg. Ausdruckslos mustere ich sie durch meine Sonnenbrille, ihr Anblick löst in mir rein gar nichts aus. Die Vorstellung, eine von ihnen (oder beide) der wenigen noch verbliebenen Kleidungsstücke zu entledigen, weckt in mir keinerlei Begeisterung oder auch nur Interesse. Lediglich den dumpfen Gedanken: Viel zu anstrengend.

Natürlich sind die Sommernazis schuld an diesem ganzen erbärmlichen Zustand, die Sonnentaliban, die bei erträglichen 25° noch frech daher meinen, es könne ruhig noch etwas wärmer sein. Jetzt, wo das Quecksilber im Thermometer unerbittlich Richtung 40° steigt, wollen sie es natürlich wieder nicht gewesen sein. "Das haben wir so nicht gewollt", stammeln sie, wie ertappte Stasi-Schergen oder NSDAP-Wähler. Aber es ist zu spät. Jetzt haben sie den Salat. Wir.

Da plötzlich ein Geräusch! Ein leises Grollen von oben! Ein Flugzeug vielleicht? Nein, Donner! Donnerwetter - ein Gewitter käme jetzt gerade recht. So ein schöner frischer Starkregen, der die Luft um etwa zehn bis fünfzehn Grad abkühlt. So in etwa sieht im Moment meine Vorstellung von Erlösung aus. Der Donner wird lauter, auch Blitze sieht man schon zucken. Gleich muss der erste Tropfen fallen, er muss einfach! Ich kann nicht länger warten, es muss etwas geschehen. Mit letzter Kraft streife ich mir mein Hemd über den Kopf, öffne meinen Gürtel, lasse meine Hose herunter, ziehe schließlich auch die Unterhose aus und beginne ohne lange nachzudenken mitten auf dem Bürgersteig zu tanzen. Wie verrückt stampfen meine nackten Füße auf den heißen Boden, wie entfesselt schwenken meine Arme durch die schwüle Luft, mein Kopf kreist, als sei ich vom Teufel besessen. Gleich muss der erste Tropfen fallen, gleich....

Der Donner wird leiser, die Blitze ziehen weiter. Kein Tropfen ist gefallen, nicht ein einziger. Es ist noch heißer als vorher. Die wenigen Passanten, die vorbeikommen, versuchen, nicht weiter auf den nackten Mann mit dem rotgeschwitzten Gesicht zu achten, der da etwas verloren auf dem Bürgersteig herumsteht. Sie lachen mich noch nicht mal aus: Viel zu anstrengend.


Autor: Oliver Marquart

Montag, 21. Juni 2010

Zurück zur Natur


Gestern war ich bei Natalie auf ein Tässchen Kaffee eingeladen. "Auf ein Tässchen Kaffee" ist natürlich die verklausulierte Version von "Ich finde dich gut, komm vorbei und wir schauen mal, was alles passiert", und da die Einladung auf ihre Initiative zurückging, ist auch klar, wer hier wen "gut findet". Ich selber hatte gar keine so genaue Erinnerung an Natalie, die ich eher unter "flüchtige Bekannte" als unter "Zaubermaus" führe, aber da mir gerade langweilig gewesen war, nahm ich die Einladung an.

Schon als sie die Tür öffnete, erinnerte ich mich wieder. Natalie war jene dünne, ja, geradezu knochige Dunkelhaarige, die mich bereits einmal unter einem ähnlichen Vorwand, allerdings zusätzlich entschlossen betrunken, in ihr Quartier gelockt und dort zu den Klängen einer Diana Ross-Aufnahme tatsächlich recht bald alle Hemmungen sowie Textilien fallen gelassen hatte. Dabei hatte sich leider herausgestellt, dass sie nicht nur sehr, sehr dünn, fast knochig war, sondern auch, dass sie kein einziges Schamhaar ihr Eigen nannte bzw. nennen wollte. Da halfen auch die drei großzügig eingeschenkten Vodka Orange nichts, mit ihren kaum vorhandenen Rundungen und dem haarlosen Schambereich sah Natalie aus wie ein 11jähriges Mädchen. Unverrichteter Dinge verließ ich damals die Wohnung unter einem in meinen Bart gemurmelten Vorwand.

Nun war ich also wieder hier. Erwartungsfroh grinste Natalie mich an, ich griente schief zurück und folgte ihr einigermaßen betreten in ihre Küche, wo der kleine Kaffeetisch schon gedeckt war. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen, griff in meine Hemdtasche und zog eine Schachteln Zigaretten heraus, zweifellos in der Absicht, mir erstmal eine anzustecken, um lässig den Rauch ausatmen und bedeutungsschwanger mit der brennenden Kippe herumwedeln zu können (auch wenn Natalie auf mich keine Anziehung auswirkte - eitel bin und bleibe ich trotzdem immer). Doch da folgte schon der erste Schock: Ein spitzer Schrei Natalies tat mir eindeutig kund, dass Rauchen in ihrer Wohung nicht nur unerwünscht, sondern glatt verboten war. Seufzend fügte ich mich in mein Schicksal.

Das nächste Ärgernis ließ nicht lange auf sich warten. Zu einem Milchkaffee, wie ich ihn gerne trinke, gehört mit einiger Sicherheit Milch, und eine solche stand auch ordnungsgemäß auf dem Tisch, das heißt, leider eben eigentlich doch nicht. Vielmehr stand dort ein Erzeugnis, das sich "fettarme Milch" nennt, zu etwa gleichen Teilen aus Wasser und weißer Farbe besteht und nach nichts schmeckt. Spöttisch fragte ich Natalie, ob sie ihr Bier auch mit Wasser verdünne, aber die blöde Kuh kapierte gar nicht, wovon ich sprach.

Egal. Der Milchersatz ohne Geschmack und Stil (selbstverständlich im Tetrapak, nicht, wie es sich gehört, in einer Glasflasche) war schnell vergessen, denn zum immerhin akzeptablen Mehrkornbrot reichte Natalie allen Ernstes Margarine, keine Butter. Mein Vortrag über ungesättigte Fettsäuren und die glasklare Überlegenheit der wunderbaren, natürlichen Butter über die dumme und fiese Margarine stieß bei Natalie auf taube Ohren. Sie war das Opfer eines schrecklichen Zeitgeists: Zucker, Kohlenhydrate und Fett hielt sie für Teufelszeug, nicht ahnend, dass man ohne den Teufel nicht leben kann. Annehmbar erschienen ihr hingegen von hinterlistigen Nahrungskonzernen erdachte, minderwertige Diätprodukte, die in denselben Labors entstanden sind, in denen einst Frankenstein erschaffen wurde. Ich sah: das Grauen.

Natalies Gesprächsthemen waren kaum geeignet, mich auf andere Gedanken zu bringen. Nachdem sie einem mittelkurzen Referat über ihren von der perfiden Gehirnwäsche der Kosmetikindustrie erzeugten Ekel vor jeglicher Körperbehaarung eine ebenso unersprießliche Erörterung ihrer Abneigung gegen natürliche Geruchsausdünstungen folgen ließ, wollte sie gerade zu einem Plädoyer für das inhumane Verbrechen namens Schönheits-OP ansetzen, das sie ohne einen Anflug von Ironie für einen Bestandteil der menschlichen Selbstbestimmung hielt (tatsächlich ist natürlich exakt das Gegenteil der Fall), als es mir eindetutig zu bunt (bzw. zu lebens- wie menschenfeindlich) wurde und ich ihre Wohnung genauso verließ wie das letzte Mal: Hastig und unter einem in den Bart germurmelten Vorwand.

Da sie dieses Mal nicht betrunken war, gab sie nicht sofort kampflos auf. Sie grabschte nach meinem Hemdkragen, bekam ihn auch zu fassen und krallte ihre Finger mit einem triumphierenden Grinsen in den weichen Stoff. doch da fiel ihr Blick auf meine prächtig entwickelten Brusthaare. Das Blatt hatte sich gewendet. Kraftlos sanken ihre Hände herab, alle Farbe wich aus ihrem schmalen Gesicht und sie konnte nur in stummer Verzweiflung den Kopf schütteln. Einem echten, lebendigen Menschen war dieser haar-, geruchs- und fettarme Cyborg eben nicht gewachsen. Stolz und in stummem, aber bewundernden Andenken an meine affenähnlichen Ur-Ur-Urahnen verließ ich ihr Labor ohne mich noch einmal umzudrehen.


Autor: Oliver Marquart

Freitag, 28. Mai 2010

Einmal Glück und zurück


Komisch. Die S-Bahn spinnt wohl mal wieder, denke ich. Vor einigen Minuten habe ich am Bahnhof Landsberger Allee mein Buch aufgeschlagen (natürlich ein Klassiker der Weltliteratur, könnte ja sein, dass mich jemand sieht, der bzw. die gut aussieht). Inzwischen habe ich um die 30 Seiten gelesen, aber der Zug hat gar nicht angehalten. Ich merke das daran, dass ich meine Lektüre nicht unterbrochen habe, denn bei jedem Halt hebe ich automatisch den Blick von den Seiten mit den vielen Buchstaben und mustere beiläufig die Zusteigenden.

Ich schaue aus dem Fenster. Reibe mir erstaunt die Augen. Schaue noch einmal. Kein Zweifel, ich muss schlecht geschlafen haben. Oder zu gut. Was da draußen vor dem Fenster vorbeizieht, ist nicht die deutsche Hauptstadt, noch nicht einmal deren angeschlossene landwirtschaftliche Nutzfläche, also das schöne Brandenburg. Unter einem strahlend blauen Himmel erstrecken sich endlos scheinende Sandstrände, in der lustig lachenden Sonne glitzert tiefblauer Ozean. Bin ich an der Ostsee gelandet, an die ich nun seit Jahren schon mal einen Ausflug machen will, der bisher allerdings im Stadium einer Idee verharrt? Möglicherweise ist der Zug aufgrund irgendeines unverständlichen technischen Fehlers auf ein falsches Gleis geraten. Aber auch diese, aufgrund der vergangenen bzw. eben nicht vergangenen Zeit ohnehin extrem unwahrscheinliche Variante scheidet aus. Denn seit wann recken sich an der Ostsee Palmen in den Himmel, an denen auch noch Bananenstauden prangen?

Ich schaue mich im Wagen um, ob jemand da ist, mit dem ich meine Eindrücke teilen kann. Niemand. Ich bin der einzige Fahrgast. Der Zug wird jetzt langsamer, wir passieren ein kleines Dörfchen, dessen Bewohner dicht am Wasser gebaut haben. Kleine, weiße Häuschen im Schatten von Palmen, ein paar buntgekleidete Kinder stehen an den Gleisen und winken fröhlich. Ich winke zurück. Meine anfängliche Verwunderung ist inzwischen einer wachsenden Heiterkeit und Freude gewichen. Ungehindert von grauen Mauern oder Wolken schweift mein Blick unstet umher, erblickt hier ein paar exotische Vögel, dort eine kleine, der Küste vorgelagerte Insel.

Wenn ich jetzt mein Badezeug dabei hätte, wäre alles perfekt, denke ich. Allerdings macht mir dieser Mangel auch keine allzugroßen Sorgen. Schließlich kann diese perfekte, harmonische Landschaft nur das Paradies, der gute, alte Garten Eden sein. Und da war ja sowieso FKK angesagt. Ich schiebe die Fensterscheibe herunter, würzige, aromatische Düfte strömen herein. Ich schließe verzückt die Augen, schnuppere und genieße. Das warem Sonnenlicht streichelt mein Gesicht, ich bin ganz bei mir, ganz im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit entschwindet meiner Erinnerung und eine etwaige Zukunft interessiert mich nicht. Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.

Plötzlich ein Knacken, eine Durchsage. Welche Sprache hier wohl gesprochen wird, überlege ich lächelnd mit geschlossenen Augen. Die Antwort folgt sogleich, so monoton wie unverbindlich im Ton: "Nächste Station: Greifswalder Straße. Ausstieg links." Ich öffne irritiert die Augen und sehe: Grau. Mauern. Wolken. Berlin im Mai 2010. Der Zug hält, die Türen öffnen sich, ich stolpere verwirrt auf den Bahnsteig und werde von einem breitschultrigen Glatzkopf, der an mir vorbeiläuft, beiläufig angerempelt. "Pass doch uff!", raunzt er mich an. "Dieser Zug endet hier", verkündet der Lauptsprecher. Kein Zweifel, ich bin wieder zuhause. Bitte alle aussteigen.


Autor: Oliver Marquart

Donnerstag, 29. April 2010

Dialog der Kulturen III

"Einmal die Sommerrollen, bitte", teile ich dem wie immer freundlich lächelnden vietnamesischem Kellner meinen Essenswunsch mit. Zufrieden mit meiner ausgezeichneten Wahl lasse ich meinen Blick müßig über die drei oder vier Sitzbänke vor dem kleinen Lokal schweifen und ergehe mich in erwartungsvoller Vorfreude auf die bevorstehenden kulinarischen Genüsse. Unwillkürlich beginne ich, ein kleines Lied vor mich hin zu summen.

Zufällig fällt mein Blick auf den Jungen, der sich vor kurzem schräg gegenüber am selben Tisch niedergelassen hat. Auch er lächelt, wie der Kellner, dem er ohnehin recht ähnlich sieht, was möglicherweise an seiner unübersehbar asiatischen Herkunft liegen könnte. Ich erwidere das Lächeln. Ein Welt, in der es Sommerrollen mit Minzfisch-Sauce gibt, kann nur eine gute sein. Meine freundliche Reaktion scheint ihn zu ermutigen, denn nun rutscht er ein wenig näher zu mir, ohne das Lächeln dabei einzustellen.

"Haben Sie die Sommerrollen bestellt?", fragt er mich mit einem etwas drolligen Akzent, den ich fachmännisch als vietnamesisch zu identifizieren glaube. Ich nicke unverbindlich, schließlich bin ich zum Essen hier, nicht, um Bekanntschaften zu schließen. "Aber es ist doch erst Frühling", versetzt der grinsende Vietcong nun. Dem kann schwerlich widersprochen werden. Ist es nur Einbildung oder ist sein zuvor ausgesucht liebenswürdiges Lächeln dabei plötzlich einen Tick frecher und spöttischer geworden? Schwer zu sagen. Durch eine leichte Verbreiterung meines Grinsens, das mir langsam aber sicher den Kiefer einfrieren lässt, signalisiere ich, dass ich seinen kleinen Witz verstanden habe.

Das hat zur Folge, dass er noch ein bisschen näher heranrückt. Was soll's, denke ich mir, irgendwie muss die Wartezeit ja ohnehin überbrückt werden. Die Themengestaltung des sich anbahnenden Gesprächs überlasse ich getrost ihm. Nach ein paar einleitenden Plänkeleien geht der furchtlose Asiate aufs Ganze: "Hast du eine Freundin?" fragt er mit einer etwas überraschenden Distanzlosigkeit, die so gar nicht zu seinem Dauerlächeln und der förmlichen Höflichkeit passen will, die er sonst an den Tag legt. "Nein", lüge ich, weil ich wissen will, worauf er hinauswill. Seine Grinsen wird jetzt eindeutig spöttischer. "Warum nicht?", setzt er nach. "Schwul?"

Nun bin ich ein aufgeklärter Westeuropäer, für den es selbstverständlich weder beleidigend noch ehrenrührig ist, für schwul gehalten zu werden. Trotzdem bin ich nunmal nicht schwul, war es auch noch nie, weswegen ich die dreiste Unterstellung meines neuen Bekannten etwas enervierend finde. Trotzdem kann ich ihm schlecht böse sein, sein Lächeln ist jetzt nämlich wieder so arglos wie ein Lächeln nur sein kann. Also lache ich souverän über seine scherzhafte Frage und freue mich weiter auf meine Sommerrollen.


Inzwischen ist Hung (unter diesem Namen hat er sich mir mittlerweile vorgestellt) bei noch delikateren Themen angekommen. Gerade erklärt er mir, dass es im vietnamesischen Sprachgebrauch üblich ist, das weibliche Geschlechtsorgan als Schmetterling, das männliche hingegen als Vogel zu bezeichnen. "Das ergibt ja auch Sinn", rufe ich mit plötzlichem Interesse aus. "Vögel fressen ja gerne Schmetterlinge." Hung macht eine kurze Kunstpause, bevor er mit unerbittlicher Logik und einem weiterhin strahlenden Lächeln (jetzt wieder mit einigen spöttischen Einsprengseln) einwendet: "Also, eigentlich frisst ja in diesem Fall eher der Schmetterling den Vogel."

Ich gebe mich lachend geschlagen. Der Kellner bringt das Essen und beim ersten Biss wird mir klar: Ein Volk, das Sommerrollen erfunden und anstelle derber Vokabeln wie Fotze und Schwanz zu poetischen Vergleichen aus dem Tierreich greift, wenn es um nicht unwesentliche Körperteile geht, kann man weder hassen noch besiegen (letzteres können auch unsere amerikanischen Verbündeten bestätigen). Man kann es nur lieben und bewundern, verehren gar.


Autor: Oliver Marquart