Dienstag, 31. Mai 2011

Mailand oder Madrid - Hauptsache Berlin!

"Zweimal, bitte", informiere ich den Mann, der in seinem kleinen Kartenhäuschen sitzt. "Macht dann zusammen zehn Euro", erwidert er ungerührt. Ganz schön teuer für Bezirksliga. Egal. Das Erlebnis Amateurfußball hat eben auch seinen Preis. Wo erlebt man sonst noch diese, jawohl, Authentizität, die sich in harten Fouls, nicht vorhandener Taktik und Bratwurstgeruch ausdrückt? Eben, nirgendwo.

Gleich neben dem Eingang befindet sich der Grillstand, es gibt hausgemachte Bulletten für 2 Euro, Nackensteaks, Hähnchenschenkel und Bratkartoffeln. Alles bezahlbar, alles authentisch. Am Spielfeldrand des Kunstrasenplatzes steht ein junger Mann, auf dessen T-Shirt "Gegen den modernen Fußball" steht. Am Abend zuvor habe ich das Champions-League-Finale Barca gegen ManU gesehen, hochmoderner Fußball, ein unfassbar hohes technisches Niveau, Kurzpassspiel von einem anderen Stern. Heute steht dagegen eher biedere Hausmannskost auf dem Programm. Der SV Blau-Weiß Berolina Mitte empfängt den FC Litria. Berolina ist die letzte Bastion der Nicht-Yuppies und Nicht-Hipster in Mitte. Am Spielfeldrand sitzen, wie bei allen Amateurspielen, viele alte Männer, aber hier tragen sie Schnauzer und sehen so aus, als hätten sie in ihrer Vorkriegsjugend mindestens mal etwas mit einer Tänzerin gehabt, die mal was mit Berthold Brecht gehabt hat. Coole alte Knaben also, nicht der spießige Nazi-Rentner mit Stasi-Vergangenheit, der sich sonst so auf Berliner Amateurplätzen herumtreibt.

Frauen sind auch ein paar gekommen, keine schicken Muttis mit Gucci-Brille und angeborenem gelangweilten Gesichtsausdruck, sondern echte Weiber, dezent aufgebretzelt, enge Jeans, Nase und Titten frech in den Wind und ostentativ keine Ahnung vom Fußball, aber eine Schwäche für die durchtrainierten jungen Kerle, die nun, da es kurz nach 2 an diesem Sonntagnachmittag ist, beginnen, wie wild hinter dem vom standesgemäß gedressten Schiedsrichter freigegebenen Ball herzujagen.

Das Spiel geht hin und her, rauf und runter, der Kunstrasen ermöglicht es auch den technisch arg limitierten Spielern, ein paar nette Kombinationen hinzulegen. Einer, er trägt die Nummer 12 auf seinem Trikot, hat gerade drei Gegenspieler genarrt und will nun in den Strafraum eindringen, als ihn ein gegnerischer Beinschlag jäh zu Fall bringt: die authentische Blutgrätsche mal wieder. Er krümmt und windet sich und man weiß, das ist echt, der macht da keine Show, denn es sind keine Fernseh- oder sonstige Kameras auf ihn gerichtet, nur die Augen von echten, authentischen Fußballfans.

Für den 12er ist das Spiel vorbei, humpelnd geht er vom Platz. Der Trainer, der im Nebenjob heute auch den Linienrichter gibt (was bedeutet, dass er ohne großen Enthusiasmus eine kleine Fahne hält, mit der er ab und zu winkt und seinen Spielern Zeichen gibt), ist ratlos. Er hat keine Auswechselspieler dabei, es ist der letzte Spieltag und Berolina steht bereits als Aufsteiger fest, da rechnet keiner mit so einer Verletzung. Suchend blickt er sich um, mustert die Spielerfreundinnen und die alten Männer, bis sein Blick auf mich fällt. Er grinst, hebt herausfordernd eine Augenbraue und fragt mich: "Schon mal Fußball gespielt?" Ich nicke. "Worauf warteste dann? Ab in die Kabine, Trikot an und los!", raunzt er mich in herrlich authentischem Fußballtrainer-Duktus an. Was bleibt mir anderes übrig? Schicksalsergeben erhebe ich mich. Die Pflicht, ja, das Vaterland ruft. Ich werde vermutlich schwere Verletzungen davontragen, weil ich weder trainiert noch aufgewärmt bin, aber egal. Schon als kleiner Junge wollte ich bei einem Verein spielen, aber Gymnasiasten nahmen die nicht, nicht authentisch genug, zu sensibel, so dachten die damals. Aber jetzt ist meine Chance da, und ich werde sie nutzen, die Bezirksliga ist nur der Anfang, nächstes Jahr spielen wir ja Landesliga, und ich bin dabei, ich werde eine Riesensaison spielen, ich werde Torschützenkönig, ich...

"Setz dich mal wieder, Junge. War doch nur 'n Witz. Glaubst du vielleicht, ick wechsel hier einfach irgendso 'nen Heini von der Straße ein? Außerdem haste ja auch noch 'ne Brille auf. So 'ne Interlektellen kann ick hier nich brauchen." Die knarzige Trainerstimme reißt mich unsanft aus meinen Träumen. Schon ist meine Karriere als Torjäger wieder beendet, so schnell geht das manchmal im modernen Fußball.



Autor: Oliver Marquart

Donnerstag, 14. April 2011

In vollem Lauf


8 Uhr morgens, die Welt scheint noch in Ordnung zu sein. Es regnet natürlich. Schließlich ist Frühling in Berlin. Da weiß man, worauf man sich einzustellen hat. Macht aber nichts. Unverdrossen sattele ich mein Fahrrad und fahre los. Nach wenigen Minuten erreiche den nahe meiner Wohung gelegenen Sportplatz, wo ich dreimal die Woche joggen gehe. Der Regen hat ein bisschen nachgelassen, es tröpfelt nur noch vor sich hin. Ich stecke mir die Kopfhörer ins Ohr, drehe den Sound auf und ziehe mir die Kapuze über den Kopf. Bei Strom bin ich vorsichtig.

Nach einigen Runden gehe ich voll und ganz im Laufen auf, meine Füße schlagen den Takt mit, den mir meine Kopfhörer zuknistern, mein Atem geht regelmäßig und mein Kopf ist frei, über alles mögliche nachzudenken, hauptsächlich darüber, wie die scharfe Vietnamesin, die mir gerade im Treppenhaus entgegenkam, wohl ohne ihre engen Jeans aussieht. Beim Laufen denke ich meist entweder an sexuelle Dinge oder an etwas, das mich wütend macht, eklatante Beispiele von Intoleranz oder Dummheit, menschliches Versagen von seiner unschönen und humorfreien Seite. Sex und Wut - zwei Dinge, die mich antreiben. Ich steigere das Tempo.

Als ich bei der zwölften Runde bin und gerade in die letzte der vier Kurven einbiege, sehe ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung an der Gittertür, die den einzigen Zugang zum Sportplatz darstellt. Ich schiebe die Kapuze ein wenig beiseite und sehe einen Mann mit Hund den Platz betreten. Eigentlich schätze ich Gesellschaft beim Joggen ja nicht, und Hundebesitzer stehen in meiner Topliste der sympathischen Mitmenschen auch nicht gerade ganz oben, aber ich will ja nicht unhöflich sein und nicke dem Mann unverbindlich zu. Er grüßt zurück, aber obwohl ich aufgrund meines rasanten Tempos nur einen flüchtigen Blick auf ihn werfen und wegen der Kopfhörer nichts hören kann, habe ich doch intuitiv den Eindruck, dass irgendetwas mit dem Kerl nicht stimmt. Egal, ich bin beschäftigt, trapp trapp trapp machen meine Laufschuhe auf dem Tartan, ich biege in die 13. Runde ein.

Das Laufen geht jetzt leicht von der Hand bzw. den Füßen. Mein Körper hat sich voll darauf eingestellt, ich gehe ganz im Rhythmus des Laufens, der sich untrennbar mit dem Rhythmus der Musik aus meinem mp3-Player verbunden hat. Schritt, Bumm, Schritt, Bumm, Schritt, Bumm. Ich erreiche einen Zustand, der nahe an Harmonie heranreicht. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt, sogar der Regen trägt seinen Teil dazu bei, indem er die Luft angenehm frisch macht. Herrlich. Ich biege beschwingt in die Kurve ein, noch eine Runde, ich genieße diese letzten Meter.

Plötzlich werde ich unsanft aus meinem Rhythmus gerissen. Der Mann mit dem Köter steht auf einmal mitten in meinem Weg. Ich versuche, ihm auszuweichen, aber er lässt mich nicht vorbei. Unverwandt starrt er mich an. Ärgerlich über die Störung so kurz vor dem Ende will ich ihn einfach beiseite schieben, aber er schlägt meine Hand weg. Sein Hund knurrt mich an. "Was soll denn das?", frage ich wütend. "Was wollen Sie von mir?" Er antwortet nicht, grinst nur höhnisch. "Hören Sie, noch eine Runde, dann bin ich sowieso fertig. Lassen Sie mich vorbei, dann können wir über alles reden", versuche ich, an einen möglicherweise vorhandenen Rest Vernunft bei dem Mann zu appellieren. Stumm schüttelt er den Kopf.

Jetzt wird es mir zu blöd. Mit einer raschen Körperdrehung mache ich einen Satz zur Seite und gebe dann Gas, laufe mit langen Schritten in Richtung des halbhohen Zaunes, der den Sportplatz umgibt. Der Überraschungsmoment ist auf meiner Seite, in wenigen Augenblicken erreiche ich den Zaun, erklimme ihn mit einigen raschen Handgriffen und springe auf der anderen Seite herunter. Wütend bellt mich der Hund des Mannes, der mir gefolgt ist, durch die Gitterstäbe des Zaunes an. Ich lache ihm ins Gesicht, wohl wissend, dass der Zaun seine Sprungkraft bei weitem überfordert. Sein Herrchen steht immer noch da, wo ich ihn stehengelassen habe. Er schaut nicht mal in meine Richtung. Der Regen wird wieder stärker, aber der Mann macht keine Anstalten, sich ins Trockene zu bringen. Er steht einfach auf der Laufbahn, sein Hund ist wieder zu ihm zurückgekehrt und gemeinsam werden sie vom Regen bis auf die Knochen durchnässt. Mit einem seltsamen Gefühl zwischen Erleichterung und Befremden laufe ich im Trabschritt nach Hause. Mein Fahrrad kann ich auch morgen holen. Wenn es noch da ist.


Autor: Oliver Marquart



Dienstag, 8. März 2011

Ein offenes Buch

Es ist neun Uhr morgens, die Sonne scheint, die Vöglein zwitschern...., nein, tun sie nicht, es ist ja auch erst Anfang März. Innerlich beschwingt, doch leicht nervös mache ich mich auf den Weg, der mich, wie die letzten Tage schon, zu einem kleinen Antiquariat in einer scheinbar vergessenen Nebenstraße führt. Eine kleine Glocke leutet, als ich die hohe Holztür mit dem großen Glasfenster darin öffne und den Laden mit angehaltenem Atem betrete. Es riecht nach Staub, altem Papier und Holzpolitur, ein geheimnisvoller, geradezu mythischer Geruch, der mir da in die Nase steigt und mich sogleich betört. Ich befinde mich inmitten von Bücherstapeln, ach was, Büchertürmen, Bücherwolkenkratzern, die überall um mich herum in die Höhe ragen, bis zur Decke und manchmal sogar noch höher, bis sie meinem Blick entschwinden.


Buchrücken an Buchrücken an Buchrücken. Nebeneinander, übereinander, gestapelt, aufeinandergelegt. Wieviele Buchstaben sich insgesamt in diesem kleinen Laden wohl befinden, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf. Niemand kann sie zählen, nicht mal schätzen, vermutlich. Viele Buchrücken sind mit Buchstaben beschriftet, die ich gar nicht lesen kann, Fraktur ist noch eine harmlosere Schriftart unter vielen, chinesische, arabische und hebräische Zeichen, selbst Hieroglyphen meine ich zu sehen. Der Ort ströhmt so viel Wissen (oder vermeintliches Wissen, schließlich kann man auch mit hebräischen Buchstaben jede Menge unbelegte Behauptungen niederschreiben) aus, dass ich in Ehrfurcht erstarre. Es herrscht hier eine Atmosphäre, die mich in Demut erstarren lässt.

Doch ich bin keineswegs wegen der Atmosphäre hier. Die ist höchstens ein angenehmer Nebeneffekt. Der wahre Grund, warum ich nun seit drei oder vier Tagen täglich hierher komme, steigt soeben die kleine Holztreppe, die den hinteren, höhergelegenen Teil des Ladens mit dem vorderen verbindet, herunter. Er, also der Grund, trägt eine dicke Brille, langes braunes Haar, einen schlichten grauen Rock und ist unverkennbar weiblichen Geschlechts. Wie die Tage zuvor beachtet er bzw. sie mich nicht, würdigt mich nichtmal eines Blickes, sondern ist ausschließlich damit beschäftigt, Bücher zu sortieren, einzuordnen oder zu katalogisieren.

Ich räuspere mich. Keine Reaktion. Ich räuspere mich nochmal, dieses Mal etwas lauter. Sie schaut nicht mal in meine Richtung. Egal, denke ich, dieses Mal gehe ich nicht, bevor ich nicht wenigstens ein paar belanglose Worte mit ihr gewechselt habe. "Weißt du, was ich mich immer gefragt habe", hebe ich an, wobei ich mich erstens wundere, dass ich sie sogleich duze, obwohl wir noch nie miteinander auch nur ein einziges Wort gesprochen haben und zweitens selbst gespannt bin, wie der Satz nach dieser rhetorischen Frage wohl weitergehen wird. Immerhin hat sie den Kopf gehoben und schaut mich das erste Mal tatsächlich an, mit einem Blick, der Belustigung, Verwunderung oder vollkommenes Desinteresse ausdrücken könnte, darüber bin ich mir nicht so sicher. Ich hole kurz Luft und fahre zu meinem Erstaunen mit fester, klarer Stimme fort: "Wie lautet wohl die maskuline Form von 'Regenrinnen'?" Oh mein Gott. Was für ein alberner Scherz! Sie quittiert es mit einem Lächeln, dessen Konnotation mir ebenfalls nicht ganz klar ist und wendet sich wortlos wieder ihren Druckerzeugnissen zu. Mit rotem Kopf verlasse ich den Laden. Das Glöckchen bimmelt hämisch.

Am nächsten Morgen bin ich wieder. Aus dem gestrigen Fehlversuch habe ich gelernt. Heute bin ich vorbereitet. Als die namenlose Schöne wieder die kleine Treppe herunterkommt, auf dem Arm einen erklecklichen Bücherstapel, da setze ich mein freundlichstes Lächeln auf und frage sie: "Verzeihung, haben Sie zufällig eine Erstausgabe von Thomas Manns "Wälsungenblut"?" Sie zieht die Augenbrauen leicht nach oben (spöttisch oder anerkennend? Oder einfach überrascht?) und zum ersten Mal höre ich ihre Stimme, als sie antwortet: "Nein. Aber ich kann es bestellen." Pause. "Ist aber nicht ganz billig." Erneute Pause. Sie lächelt wieder. "Waren wir nicht schon per Du?" Ich strahle zurück. Das läuft ja besser als erwartet!

"Der Preis spielt keine Rolle", erwidere ich großzügig. Was wird so ein Schinken schon kosten, denke ich dabei. Zur Not leihe ich mir halt wieder einen Hunni von meinem Nachbarn. Die Schöne holt ein Formular aus einer Schublade, die aussieht, als sei sie das letzte Mal geöffnet worden, als Kaiser Wilhelm noch in Amt und Würden war. "Ich brauche aber eine Anzahlung", meint sie. "Kein Problem", sage ich. "Reichen 20 Euro?" - "Leider nicht." Sie lacht. "Ein Drittel des Kaufpreise wäre schon notwendig. Also so etwa 1.000 Euro." Mir stockt der Atem. "Entschuldige", stammele ich. "Ich habe dich wohl falsch verstanden. Wieviel meintest du nochmal?" Das Blut dröhnt in meinen Ohren. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Sie legt ihren Kugelschreiber beiseite. "Das Buch interessiert dich gar nicht, stimmt's?" Ich nicke. Leugnen hat sowieso keinen Zweck. "Du wolltest nur mit mir ins Gespräch kommen und hast deshalb gestern abend im Internet nach raren Erstausgaben gesucht, dabei aber vergessen, dir den Preis anzusehen, stimmt's?" Ich nicke. "Du wolltest eigentlich nur wissen, ob ich trotz deines etwas albernen Scherzes gestern mit dir einen Kaffee trinken gehe, stimmt's?" Ich nicke. Diese Frau ist nicht nur schön, sondern auch noch klug. "Und", frage ich mit neuem Mut, "gehst du?" Sie lächelt. "Wenn du dir das leisten kannst." Wir sehen uns an und lachen. Als wir den Laden zusammen verlassen, klingelt das Glöckchen wieder, aber dieses Mal nicht hämisch, sondern eher voller Verheißung. Ding dong - was 24 Stunden doch ausmachen können.


Autor: Oliver Marquart


Mittwoch, 19. Januar 2011

Eine Rose ist eine Rose



Dornen. Überall Dornen. Mein Messer reicht dafür nicht. Ich ziehe die Machete, die ich von einem bolivianischen Koka-Bauern bei meiner Reise quer durch Südamerika geschenkt bekommen habe, weil ich seine Tochter nicht geschwängert habe, aus meiner Tasche. Damit geht es besser. Konzentriert und verbissen kämpfe ich mich durch die dichten Rosensträucher, die das alte Gemäuer bewachsen - oder bewachen?

Schon von weitem habe ich das verlassene Schloss gesehen. Neugierig, wie ich bin, habe ich meine geplante Route verlassen, um mir das Bauwerk anzuschauen. Beim Näherkommen habe ich festgestellt, dass es über und über mit dichtem, dornigem Rosengestrüpp bewachsen ist. An irgendetwas erinnert mich das, ein altes Lied oder eine vergessene Geschichte, aber egal. Ich bin kein Mann der Vergangenheit, sondern einer der Gegenwart und der darin stattfindenden Tat, also sehe ich zu, wie ich mir einen Weg durch das stachelige Gemüse bahnen kann. Hab ja sonst gerade nicht viel vor.



Nach etwa einer halben Stunde habe ich endlich eine Schneise in das erstaunlich sture Gesträuch geschlagen, die groß genug ist, um hindurchzukriechen. Zu meiner Enttäuschung muss ich aber feststellen, dass ich das dahinterliegende Fenster vom Boden aus nicht erreichen kann, es liegt zu hoch. Zum Glück habe ich in meiner Tasche die ausklappbare Kletterleiter, die mir ein tibetanischer Mönch im nepalesischen Exil einst geschenkt hat, zum Dank dafür, dass ich ihm das neue Hörbuch vom Dalai Lhama gebrannt habe.



Ich bin drin. Herrlich! Was für ein Gefühl. Bestimmt war seit mehreren Jahrzehnten niemand mehr in diesem Schloss. Dabei ist die Einrichtung noch erstaunlich gut erhalten. Dem Stil der Möbel und Teppiche nach haben hier einst entweder ziemlich exzentrische Leutchen gewohnt oder es steht wirklich seit über hundert Jahren leer. Ein tadellos erhaltener Armleuchter aus purem Gold, dessen Kerzen ich mit den Streichhölzern entzünde, die mir seinerzeit ein bulgarischer Landwirt geschenkt hat, zum Dank dafür, dass ich seine Frau überfahren hatte (ein Versehen, natürlich), spendet mir Licht und ich wandle staunend durch die schier endlosen, ungeheuer prunkvoll ausgestatteten Flure und Gänge.



Schließlich komme ich an einer besonders prächtig geschmückten Tür an. Sie ist geschlossen, lässt sich aber mühelos öffnen. Ich betrete ein Gemach, in dem ein rosafarbenes Himmelbett steht. Abgesehen von einer dünnen Staubschicht ist alles so, als wäre das Zimmer bewohnt. Als ich näher an das Bett herantrete, zucke ich erstaunt zurück: Es liegt jemand darin! Ein wunderschönes Mädchen mit blonden Locken und einem kirschroten Mund, das sanft im Schlaf lächelt. Offenbar hat sie gerade einen schönen Traum. Sie sieht so friedlich aus. Ich kann nicht anders, ich beuge mich vorsichtig zu ihr hinunter und küsse sie.

Sie schlägt die Augen auf, blinzelt verschlafen und schaut mich dann ganz ruhig an. Meine Gegenwart scheint sie nicht zu beunruhigen. "Da bist du ja endlich", sagt sie nun mit einer hellen, klaren Stimme, die in meinen Ohren wie Musik klingt. "Ich habe so lang geschlafen und darauf gewartet, dass du mich aufweckst." Anscheinend ist sie noch nicht ganz wach, denke ich, als sie plötzlich wie von der Nadel gestochen aus dem Bett springt. "Oh nein, die böse Stiefmutter", ruft sie ängstlich. "Ich höre ihre Schritte, ich erkenne sie am Gang! Schnell, du musst dich verstecken!" Ich habe keine Ahnung, was hier vorgeht, aber ihr Tonfall ist so von Dringlichkeit erfüllt, dass ich keine dummen Fragen stelle.



Ich blicke mich im Zimmer um, aber es gibt keinen Schrank oder ähnliches. Schon wird die Türklinke von außen heruntergedrückt. Blitzschnell hebe ich das kostbar bestickte Nachtgewand der jungen Dame an und schlüpfe in letzter Sekunde darunter. "Na, Dornröschen", höre ich durch den zum Glück recht dicken Stoff hindurch die kalte Stimme einer älteren Dame. "Endlich ausgeschlafen? Möchtest du vielleicht einen Apfel zum Frühstück?" Die Angesprochene antwortet nicht. Ich spüre, wie sie am ganzen Leib zittert. Außerdem trägt sie nichts drunter, aber für unkeusche Gedanken ist jetzt leider keine Zeit. Kurz entschlossen fahre ich wie vom wilden Affen gebissen unter dem Nachthemd hervor und ramme mit einem filmreifen Sprung der alten Hexe, die das arme Mädchen so ängstigt, mein Messer in die Brust. So bin ich eben.

Erleichtert stürzt mir die Blondgelockte in die Arme. "Danke, danke, danke", stammelt sie und birgt ihr Gesicht an meiner starken Brust. "Du hast mich gerettet. Du bist mein Prinz. Du kannst alles von mir haben, was du willst." Ich streichele ihre Locken. "Gern geschehen", erwidere ich lässig. "Ich würde mich gern erstmal ein bisschen ausruhen. Rosen schneiden macht müde. Das Bett sieht bequem aus - ich glaube, ich könnte jetzt hundert Jahre schlafen."- "Oh, sag das lieber nicht", lächelt meine neue Bekannte, als wir gemeinsam in die weichen Kissen sinken.


Autor: Oliver Marquart

Freitag, 10. Dezember 2010

Es weihnachtet sehr

Der Schnee knirscht unter den Sohlen meiner schwarzen Stiefel und der falsche Rauschebart fängt langsam an zu jucken. Der Schnee rieselt auch schon seit mehreren Stunden, leise zwar, wie sich das gehört, aber unaufhörlich, was zur Folge hat, dass ich schon wieder die Frontscheibe freiwischen muss. So, letzter Kunde, endlich. Jetzt schnell noch einmal das übliche Programm runterrattern ("Sti-hille Nacht...", "Seid ihr auch brav gewesen?", "Ho! Ho! Ho!") und dann ab nach Hause, die sich ankündigende Erkältung mit einem schönen Kräuterschnaps in Zaum halten. Sollen die anderen ruhig Weihnachten feiern - ich hau mich in die Koje und lass den Vater des Christkinds einen guten Mann sein.



Dingdong. Schnell noch einmal den Bart zurecht gezurrt, ein fröhliches Lächeln aufgesetzt und los geht's. Sieht ganz schön gediegen aus, das Einfamilienhaus, vor dessen Tür ich nun warte. Nach einigen Augenblicken öffnet eine geschmackvoll gekleidete blonde Mittvierzigerin, die mich aus etwas müden, Augen zerstreut anblickt. "Ja?", sagt sie fragend, als hätte sie mich nicht bei der Agentur für Weihnachtsmänner bestellt. An sich lehne ich das Konzept des von Coca Cola umfunktionierten Nikolaus ja grundsätzlich ab. Aber der Job ist gut bezahlt und natürlich macht es Spaß, Kinderaugen zum Leuchten zu bringen. Außerdem hat es unbestreitbar einen gewissen Reiz, in all die verschiedenen Wohnzimmer zu kommen und einen kurzen Einblick in das Leben der anderen zu erhalten. "Ho! Ho! Ho!", intoniere ich mit gezwungener Heiterkeit. "Ich bin der Weihnachtsmann und habe Geschenke für die braven Kinderlein mitgebracht."

Ihr Blick bleibt undurchdringlich, aber mit freundlicher Stimme bittet sie mich herein. "Können Sie die Schuhe vielleicht ausziehen? Ich habe vorhin erst gewischt", meint sie. Auch wenn ich einen strumpfsockigen Weihnachtsmann noch alberner als einen in Stiefeln finde, leiste ich ihrem Wunsch Folge. Es ist schließlich Heilig Abend. "Soll ich gleich loslegen?", frage ich sie und greife nach meinem nicht mehr ganz so prall gefüllten Sack. "Kommen sie einfach mit", ist ihre unbestimmte Antwort. Ich folge ihr ins Wohnzimmer, wo vor einem lustig flackernden Kamin ein liebevoll geschmückter Weihnachtsbaum steht, zufrieden registriere ich, dass er mit echten, brennenden Kerzen bestückt ist. Der Tisch ist gedeckt, zahlreiche Schüsseln und Töpfe stehen bereit. Nur eines fehlt: Die Empfänger der Geschenke. "Wollen Sie die Kinder jetzt hereinholen?", flüstere ich ihr mit einem verschwörerischen Zwinkern zu. Sie lächelt nur ein wenig müde.

"Ich fürchte, es gibt keine Kinder. Meine Tochter ist bereits 20 und feiert mit ihrem Freund. Außer uns beiden ist niemand im Haus", sagt sie und bittet mich mit einer einladenden Geste zu Tisch. "Setzen Sie sich, essen Sie mit mir, trinken Sie mit mir. Schließlich bezahle ich Sie dafür." Ich bin überrascht. Natürlich hat man derlei Geschichten schon gehört, verzweifelte verlassene Hausfrau sucht am Heiligabend etwas Gesellschaft und bestellt sich einen Weihnachtsmann, aber bislang hatte ich solche Stories in das Reich der klassischen Männerphantasie verwiesen. Und nun bin ich plötzlich mittendrin. Vorsichtig setze ich mich und werfe einen Blick auf die aufgetischten Leckereien. Nicht übel, das muss ich sagen. "Haben Sie das alles selbst gekocht", frage ich, um irgendetwas zu sagen. "Natürlich nicht", lacht sie und schenkt mir großzügig Rotwein in mein Glas ein.

Das Essen schmeckt vorzüglich, der Rotwein ist gut und schwer. Ein oder zwei Stunden später sind wir beide satt, angetrunken und per Du. Ich versichere Susanne gerade zum wiederholten Male, dass ihr Ex-Mann, der sie vor einigen Jahren hat sitzen lassen, ein Arschloch ist (auf den Fotos, die sie mir gezeigt hat, sieht er jedenfalls aus wie eines, außerdem ist er auch noch Zahnarzt), woraufhin sie eine weitere Flasche 61er-Château Latour entkorkt und mir einschenkt. 'Angetrunken' umschreibt meinen Geisteszustand mittlerweile doch nicht mehr ganz angemessen, ich bin einigermaßen voll. Dasselbe könnte man aber auch über Susanne sagen. "Nimm doch endlich mal deinen komischen Bart ab" kichert sie und greift spielerisch danach. "Und wenn du schon dabei bist" - sie schaut mir auf einmal tief in die Augen und ihre Stimme bekommt einen heiseren, fordernden Klang- "mach's dir doch etwas bequemer!"

Ich verstehe, worauf sie hinauswill, täusche aber Unverständnis vor. Ihr Ansinnen überschreitet das Kundin-Dienstleister-Verhältnis beträchtlich. Inzwischen ist sie aber so in Fahrt gekommen, dass sie sich von meiner Zurückhaltung nicht abschrecken lässt. Im Gegenteil, sie steht auf, nimmt mich bei der Hand und führt mich zum Kamin, vor dem wir uns niederlassen. In meinem Kostüm fange ich bald an zu schwitzen, der Schweiß rinnt mir von der Stirn. "Siehst du, viel zu warm", grinst sie und fängt an, mich meines roten Gewandes zu entledigen. Bald hat sie mich bis auf die Unterhose entkleidet. Schon schicken ihre geschickten Finger sich an, mich auch dieses Kleidungsstückes zu entledigen, als plötzlich die Tür aufgeht und ein hübsches, etwa 20jähriges Mädchen im Zimmer steht.


"Jana", ruft Susanne überrascht aus. "Wo kommst du denn jetzt schon her?" Die so Angesprochene kann sich ob des Anblicks, den ihre mutmaßliche Mutter und ich bieten, ein Grinsen nicht verkneifen. "Mir war kalt, außerdem ist Simon sowieso ein Arschloch und da dachte ich mir, feiere ich lieber noch ein bisschen mit dir, Mama. Aber wie ich sehe, hast du schon Gesellschaft. Da will ich mal nicht stören", meint Jana und macht Anstalten, das Zimmer zu verlassen. Da kennt sie mich aber schlecht. Rasch hefte ich mir den Rauschebart wieder an, was angesichts meines ansonsten fast nackten Zustandes möglicherweise etwas albern aussieht, aber egal. "Bist du denn auch brav gewesen, Jana?", frage ich mit meiner bewährten Donnerstimme. Es funktioniert. Jana dreht sich wieder um und kommt interessiert näher. "Lass doch", meint Susanne etwas nervös. "Wir können doch auch ohne sie weiterfeiern." "Das entspräche aber nicht gerade dem Geist der Weihnacht", entgegne ich sehr bestimmt. Jana stimmt mir eifrig zu und lässt sich nun ebenfalls vor dem Kamin nieder. Ich lege einen Arm um Susanne, den anderen um Jana und schaue zufrieden ins Feuer. "Ich glaube, wir können nun zur Bescherung kommen", murmele ich in meinen Bart. Feiern Mormonen eigentlich auch Weihnachten?


Autor: Oliver Marquart