
Was für ein Morgen. Ich fühle mich noch total benommen, als ich ins Bad wanke und mir Wasser ins Gesicht spritze, um einen Geisteszustand zu erreichen, der wenigstens entfernte Ähnlichkeit mit dem der Wachheit hat. Nicht, dass es funktioniert. Gähnend schlurfe ich in die Küche, setze türkischen Schwarztee auf und setze mich an meinen kleinen Küchentisch. Draußen regnet es. Auch gut. Kann man wenigstens in Ruhe die Zeitung lesen, ohne dass einen die Sonne blendet.
Die Geräusche, die aus der Wohung nebenan an mein Ohr dringen, klingen heute so laut, denke ich verwundert. Der Wecker reißt mich aus meinen Gedanken. Der Tee ist fertig. Ich will gerade aufstehen, um die Kanne zu holen, da höre ich laut und deutlich, wie der Wasserhahn in meinem Bad betätigt wird. Das kann doch nicht sein. Ich habe die Nacht alleine verbracht. Wer soll denn da in meinem Bad sein? Träume ich etwa noch? Dann müsste ich jetzt, wo ich mir diese Frage stelle, ja aufwachen.
Doch nichts dergleichen. Ich wache nicht auf, sondern höre mit wachsendem Entsetzen, wie der Wasserhahn abgedreht wird und sich meiner Küche Schritte nähern. Ein Einbrecher vielleicht? Aber welcher Einbrecher wäscht sich denn in aller Seelenruhe die Hände, bevor er an sein diebisches Werk geht? Während ich noch vor mich hin grübele, kommen die Schritte näher und - mir stockt der Atem - die Küchentür geht auf.
Ein Mann schlurft verschlafen herein und blickt sich suchend aus halbgeöffneten Augen um. Schließlich entdeckt er die Teekanne, die ich auf dem Kühlschrank abgestellt habe, anscheinend hat er die gesucht. Er greift zum Paket mit dem Tee, den ich im Türkenladen gekauft habe, und macht Anstalten, die Kanne damit zu füllen. Als er bemerkt, dass die Kanne bereits voll ist, macht er ein erstauntes Gesicht und murmelt Unverständliches in verwundertem Tonfall.Erst jetzt fällt mir auf, was ich in der ersten Schrecksekunde gar nicht bemerkt habe: Der Mann sieht aus wie ich. Nicht nur annähernd oder beinahe, nein, genauso. Er trägt auch die gleichen Klamotten wie ich, eine dunkelgrüne Unterhose und ein verwaschenes T-Shirt - wüsste ich es nicht besser, würde ich annehmen, dass er gerade aus meinem Bett aufgestanden ist. Mich scheint er gar nicht zu bemerken, er macht sich weiter an der Teekanne zu schaffen. Er leert den bereits fertig gezogenen Tee aus und füllt die Kanne von neuem - offenbar glaubt er, er habe einfach nur vergessen, sie nach dem letzten Gebrauch zu leeren.
So kann es nicht weitergehen. Ich muss endlich aktiv werden, ins Geschehen eingreifen, anstatt nur passiv und verschreckt hier herumzusitzen und meinen Doppelgänger dabei zu beobachten, wie er seelenruhig eine neue Ladung Tee aufsetzt. "Hey", spreche ich ihn an. "Was machst du denn hier? Wer bist du und woher kommst du überhaupt? Und wie bist du hier hereingekommen?" Er runzelt ein wenig die Stirn, als ob er über etwas bestimmtes nachdächte, aber er schaut nichtmal in meine Richtung. Hört er mich nicht oder ignoriert er mich etwa? Ich brauche Gewissheit. Meine Schockstarre überwindend stehe ich auf, gehe zu ihm hin und packe ihn am Arm. Er reagiert nicht, kratzt sich nur unwillkürlich an der Stelle, wo ich ihn angefasst habe. Für ihn scheine ich gar nicht da zu sein. Er frühstückt ausgiebig, holt sich die Zeitung aus dem Briefkasten und setzt sich an meinen Computer, wo er beginnt, das Interview, das ich gestern geführt habe, abzutippen.
Ratlos setze ich daneben. Anscheinend werde ich nicht mehr gebraucht. Jemand anderers hat meinen Platz im Leben eingenommen - was heißt jemand anderes? Er sieht ja genauso aus wie ich, er frühstückt genauso, er liest genauso die Zeitung und nun macht er genauso wie ich sonst meine Arbeit. Mir bleibt bei alledem nur noch die Rolle des unbeteiligten, ja, des unsichtbaren Zuschauers. "Was soll's", denke ich, ergebe mich seufzend in mein Schicksal und setze mich wieder in die Küche. Aus reiner Gewohnheit greife nach der Zeitung, die er (oder ich?) liegengelassen hat und lese die Schlagzeile: "Chinesischer Wissenschaftler will weiterhin Pandabären klonen".Autor: Oliver Marquart

Zwei Mädchen kommen mir entgegen, sie haben kaum ein Stück Stoff am Leib. Beide tragen enge weiße Hotpants, die eine ein trägerloses schwarzes Oberteil, die andere ein tief ausgeschnittenes, ärmelloses Top. Beide sind von der Hitze gezeichnet, ihre Nasen glänzen, ihre nackten Beine tragen sie ohne Anmut über den glühend heißen Gehweg. Ausdruckslos mustere ich sie durch meine Sonnenbrille, ihr Anblick löst in mir rein gar nichts aus. Die Vorstellung, eine von ihnen (oder beide) der wenigen noch verbliebenen Kleidungsstücke zu entledigen, weckt in mir keinerlei Begeisterung oder auch nur Interesse. Lediglich den dumpfen Gedanken: Viel zu anstrengend. 








