Kopftuchstreit

Saturday, January 30th, 2010 2:34am

burka-7.jpgNeulich traf ich meinen Freund Said im Café. Vor ihm lag eine Zeitung, offenbar hatte er gerade einen Artikel über die Diskussion in Frankreich um ein Burka-Verbot gelesen. Ich wollte ein paar höfliche Bemerkungen über die Kleiderfreiheit sowie den Irrglauben, Verbote und Vorschriften schafften ‘Freiheit’, fallen lassen, aber Said unterbrach mich sofort.

“Das geht schon in die richtige Richtung”, meinte er entschieden. “Aber” - er hielt kurz inne und hob den rechten Zeigefinger - “das geht noch längst nicht weit genug!” Ich fragte ihn verwundert, warum er glaube, dass die abendländische Menschheit irgendeinen Vorteil davon habe, wenn man die geschätzt 500 Frauen, die in Frankreich komplett unter einem Tuch verschwinden zu pflegen, daran hindert. “Wenn die das doch so wollen, Said? Und wenn nicht, nützt ihnen das Verbot vermutlich doch auch nichts.”

23ag_1746_56363.jpgUnwirsch winkte Said ab. Das sei doch nicht der springende Punkt. Ich müsse mal weiterdenken, nicht so begrenzt, nicht so engstirnig sein. “Im Grunde geht es doch, genau wie bei der Sache mit dem Kopftuch, darum, dass man es Frauen nicht erlauben will, sich mehr zu verhüllen als Männer”, fuhr er beschwingt fort. “Also, dem kann ich allerdings nur zustimmen. Gestern war ich in einer öffentlichen Badeanstalt, und da waren ein paar Weiber…” “Damen, meinst du bestimmt, Said!” “Naja, was auch immer, also, die hatten echt tolle Figuren, richtig schöne Körper.” Was das denn nun mit der Burka oder meinetwegen auch dem Kopftuch zu tun habe, fragte ich ihn. Unwirsch bedeutete er mir mit einer nachlässigen Armbewegung, nicht so ungeduldig zu sein.

bild.jpg“Als ich diese Badenixen aus dem Wasser steigen sah”, fuhr er nun fort, “da schoss es mir unweigerlich durch den Kopf: Warum tragen die eigentlich Zweiteiler, und nicht wie wir Männer einfach nur ein knappes Höschen beim Baden?” Ich warf ein, dass eine Frau, die mit nacktem Oberkörper in einer öffentlichen Badeanstalt erscheine, mit einer Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses rechnen müsse. “Genau!” donnerte Said. “Das ist doch die Scheiße, die ich meine! Warum erlaubt man Männern etwas, was Frauen verboten ist? Ist das nicht sexistisch?”

Ich musste grinsen. Saids Theorie war nicht nur schlüssig, sie war geradezu bestechend. “Du meinst also…” setzte ich an. “Jawohl!”, rief Said mit Nachdruck und nahm noch einen kräftigen Schluck von seinem Kaffee. “Es muss endlich Schluss sein mit der Benachteiligung von Frauen. Sie sollen ihren Oberkörper genauso stolz und ungeniert den Blicken der Öffentlichkeit preisgeben wie wir Männer! Und da die Erlaubnis ja nicht ausreicht - wie die Diskussion um Kopftücher und Burkas eindeutig zeigt - wird man wohl einfach ein Bikinioberteil-Verbot erlassen müssen. Das ist der einzige Weg, die Frauen vor Benachteiligung zu schützen.”

Die Kellnerin, die an unseren Tisch kam, um meine Bestellung aufzunehmen, hatte unser Gepräch nur in Auszügen mitbekommen. Sie lächelte Said an. “Ich dachte immer, du wärst auch einer von diesen Chauvis. Wer hätte gedacht, dass du dich so sehr um die Rechte der Frauen sorgst? Dein Kaffee geht auf mich.”

Bitte nicht vom Beckenrand springen!

Monday, January 18th, 2010 5:21pm

Wären unsere Vorfahren klug gewesen und schön auf den überschaubaren und weitgehend sicheren Bäumen hocken geblieben, so hätten wir auch nicht diesen unermüdlichen Bewegunsdrang, diese suchtgleiche Besessenheit, unsere Körper nicht einfach mal herumhängen und -liegen zu lassen, sondern wenigstens einmal am Tag ordentlich auszuschütteln. So aber joggt der durchschnittliche Mitteleuropäer in den sonnigeren, weniger kalten Monaten emsig durch Parks, an Flussufern oder auf Tartanbahnen um Fußballplätze herum.

Im Winter aber bleibt dies unbelehrbaren Fanatikern und lustfeindlichen Querulanten mit masochistischen Zügen vorbehalten. Kein normaler Mensch findet etwas daran, kalte Luft in tiefen Zügen in die Lungen zu pumpen oder auf Glatteis auszurutschen. So bleibt vernünftigerweise nur der Gang in ein Schwimmbad. Dabei gilt es allerdings, einige grundlegende Umstände und Regeln zu beachten.

holzmarkstr_02.jpgZum Beispiel ist es dringend zu vermeiden, ein Hallenbad in einem Bezirk aufzusuchen, wo viele junge Familien wohnen - oder Leute, die gerne kreativ wären. Die ersteren haben naturgemäß Kinder und die letzteren meist zuviel Zeit und alle zusammen füllen das Schwimmbecken zuverlässig aus, so dass an Schwimmen nicht zu denken ist. Vorzuziehen sind dagegen trübe, triste Betonklötze inmitten von Plattenbauten oder in sozialen Brennpunkten, denn weder der arbeitslose Alkoholiker noch in der Kriminalitätsstatistik auftauchende Jugendliche sind besonders eifrige Schwimmer.

schwimmerin_3_g.jpgHat man das richtige Bad gefunden, ist erst die Hälfte geschafft. Bei der Wahl der Bahn, auf der man schwimmen will, kann man leider nur alles falsch machen. Entweder erwischt man eines dieser mysteriösen, meist aus zwei mittelalten Damen bestehenden Pärchen, das in aller Seelenruhe im Schneckentempo seine Bahnen zieht und mehr schwatzt als schwimmt, selbstverständlich drei Bahnen füllend nebeneinander, was das Überholen unmöglich macht. Oder man hat es mit dem Gegenteil zu tun. Eine weibliche Hand, die sich dem eigenen Penis nähert, kann unter bestimmten Umständen durchaus begrüßenswert sein. Ganz anders sieht es aber aus, wenn sie in Überschallgeschwindigkeit anbraust und einer stets mit Schwimmbrille und Badekappe bewehrten Extremschwimmerin gehört, die die Weichteile bei einem scharf ausgeführten Kraulschlag erwischt - mutmaßlich nicht mutwillig, was den Schmerz und die Schmach aber kaum lindert.

holzmarkstr_03.jpgEs geht also nur in einem fast komplett leeren Schwimmbad. Komplett leer ist das Bad vermutlich zu den Frühschwimmerzeiten von 6 bis 8, aber bekanntlich macht Frühaufstehen dumm. Die Spätschwimmzeiten sind dagegen sehr beliebt und scheiden also ebenfalls aus. Von den Stoßzeiten gar nicht erst zu reden. Bleibt also nur, die knappe Spanne kurz vor dem Spätschwimmen zu erwischen, wenn die knausrigen Spätschwimmer noch zähneknirschend auf die tariflich günstigere Zeit nach 20 Uhr warten, die normalen Badegäste aber schon zum Abendessen drängen.

Dann muss man nur noch herausfinden, ob das Bad am fraglichen Tag überhaupt für den öffentlichen Badebetrieb geöffnet hat, ob irgendwelche Schwimmvereine oder Aquafitnessgruppen ihr Unwesen treiben und ob die Badehose nicht über den Winter zu eng/ zu weit geworden ist. Beachtet man diese einfachen Grundsätze, kann man aber wirklich sehr entspannt schwimmen.

Was willst du trinken?

Friday, January 01st, 2010 3:53pm

bar.jpg Die meisten meiner Freunde geben Frauen gerne alkoholische Getränke aus. Sie hoffen, diese so davon überzeugen zu können, mit ihnen Sex zu haben. Erstens schmeichelt es den Damen, etwas quasi geschenkt zu bekommen, und zweitens versetzt sie der Alkohol in eine lockere Stimmung - so ungefähr ihr Kalkül. Es klappt nicht immer, aber immer wieder. Ich selbst aber habe meine Prinzipien. Ich gebe einer Frau nie Getränke (zumal alkoholische) aus, bevor ich mit ihr Sex hatte. Das hat zur Folge, dass ich sehr wenig Sex habe, spart aber dafür jede Menge Geld und Zeit.

dick_annegarn_1.jpg Da ich nicht viel Geld habe, kann ich das gesparte leider nicht ausgeben, da ich es nicht tatsächlich besitze, sondern nur nicht nicht-besitze, also keine Schulden bei ominösen Instituten, die mir meine Bank fast täglich empfiehlt, machen muss. Das hat den Vorteil, dass mir noch nie jemand die Hand gebrochen oder mein Auto beschädigt hat (jedenfalls nicht mutwillig). Die Zeit wiederum nutze ich dazu, mir obskure Schallplatten aus den 70ern anzuhören, zum Beispiel “African Flashback” von Louis Sclavis oder das selbstbetitelte Debüt von Dick Annegarn, dessen Namen mir ein New Yorker Künstler einmal ebenso kurz wie einleuchtend buchstabierte: “Dick - like a penis.”

Manchmal werde ich traurig von der Musik und den Texten, die wenig andere Themen haben als die Liebe, und hier bevorzugt die körperliche Variante davon, unersättlich, verschwitzt, stinkend. Dann habe ich das dringende Bedürfnis, auch zu schwitzen und zu stinken, also versuche ich, meine Prinzipien, wenn schon nicht zu brechen, so doch vorsichtig zu umgehen. Schließlich bezieht sich mein Grundsatz ja nur auf alkoholische Getränke. Ein Tomatensaft läuft dem nicht zuwider und schmeckt auch gut, hat allerdings den Nachteil, dass er dem Ego von Frauen nicht sonderlich schmeichelt, weil er vergleichsweise billig ist (ich bestelle deshalb immer gleich drei, was aber meist nicht als Großzügigkeit ausgelegt wird, sondern eher als Zeichen von einsetzendem Schwachsinn). Dass er die Stimmung erheblich lockern oder auch nur aufheitern würde, kann man ebenfalls nicht behaupten.

nosex.jpg So kehre ich dann wieder völlig nüchtern und allein in meine Wohnung zurück, habe ebenso viel Geld investiert wie meine Freunde (dreiundzwanzig Tomatensäfte kosten nicht schlecht) und muss trotzdem wieder unverschwitzt Dick Annegarn hören. Zum Glück ist seine Musik wirklich toll. Sonst wäre das alles ja auch kaum auszuhalten.

Dialog der Kulturen II

Tuesday, December 15th, 2009 1:39pm

r.jpgLetzte Woche war mein Bekannter R. zu Gast bei mir in Berlin. R. wohnt in Bottrop und verspürte wohl ein verständliches Bedürfnis nach ein wenig Abwechslung vom trüben Provinzleben, als er mich aus heiterem Himmel (wir kennen uns nur oberflächlich von einer gemeinsam besuchten Kulturveranstaltung) anrief und fragte, ob er ein paar Tage bei mir wohnen könne.

Schon am Ostbahnhof, wo ich ihn abholte, machte er ein grimmiges Gesicht. Ein Mann habe auf seinem reservierten Platz gesessen und er habe die ganze Fahrt stehend verbracht. “Warum hast du ihn denn nicht auf seinen Fehler aufmerksam gemacht?” R. lachte höhnisch. Ob ich denn noch nichts vom linken, politisch korrekten Zeitgeist gehört hätte? Der Mann sei afrikanischer Abstammung gewesen, und wenn man “so einen” auffordere, den unrechtmäßig besetzten Platz zu räumen, müsse man damit rechnen, von wildgewordenen 68er-Gutmenschen als “Rassist” diffamiert zu werden - außerdem, wer wisse denn, ob der dunkelhäutige Herr keine Tropenkrankheit oder ähnliches gehabt und den Sitz bereits infiziert habe? Ich begann zu ahnen, dass es ein anstrengender, aber auch unterhaltsamer Besuch werden würde.

Um R. eine Möglichkeit zu geben, seine Vorurteile weiter zu vertiefen, nahm ich ihn gleich am nächsten Tag mit nach Neukölln. R. glaubte den Bezirk aus zahllosen RTL 2-Reportagen zu kennen, die ihn als einen Hort religiös fanatischer, frauenverprügelnder Kokainhändler verkauft hatten.  Triumphierend deutete R. mit ausgestrecktem Zeigefinger auf alles, was er aus dem Fernsehen kannte: Dunkelhaarige Männer, Obst- und Gemüseläden und - Frauen mit Kopftüchern. R. hatte so etwas noch nie live zu Gesicht bekommen, und in einem Anfall von Übermut (eine Überdosis Berliner Luft?) ging er mit einem überlegenen Grinsen auf eine junge Frau - türkises Koptuch, Stretchjeans und Highheels - zu und versicherte sie seines aufrichtigen Mitleids, dass sie so ein Symbol der Unterdrückung tragen müsse - ob man nicht ihre Eltern verklagen solle? Die Frau schaute ihn ratlos an. „Meine Eltern waren geschockt, die haben gefragt, ob ich das wirklich will“, erzählt die Unterdrückte. „Das ist ein Schutz vor Fremden, man wird nicht mehr so doof angequatscht und es ist auch ein Schutz vor der Witterung, gerade wenn es so kalt ist.“ R. fällt dazu nichts ein, er tritt den geordneten Rückzug an und murmelt etwas von Gehirnwäsche.

falafel.jpg Ich grinste in mich hinein und schlug vor, etwas essen zu gehen. R. willigte ein, sein kleiner, ungehört verhallter Vortrag hatte ihn wohl hungrig gemacht. Zielsicher steuerte ich einen Falafel-Laden an, wohl wissend, dass es dort unausweichlich zum clash of cultures kommen würde. Nach einem kurzen, verständnislosen Blick auf die Karte (Falafel, Haloumi, Makali) blaffte R. den jungen Mann hinter dem Tresen unwirsch an, von welchem Tier das Fleisch am sich munter drehenden Schawarma-Spieß stamme. “Doch sicher nicht vom Schwein, wie?”, rief er aufgeregt. “Keine Sorge, Mann”, beruhigte ihn der Verkäufer. “Das ist Rindfleisch.” Empört blies R. Luft durch die Nase, richtete sich zu voller Mannesgröße auf (1,72 m) und brüllte lauthals ins Gesicht des überraschten Fremden: “Es ist aber Deutschland hier! Da isst man Schweinefleisch! Das ist so! Und das bleibt auch so! Deinen Hammel kannst du in deinem eigenen Scheißland fressen. Hier ist Deutschland und da gibt es Schwein, du Schwein!” Es folgten noch ein paar soziologische Betrachtungen über mangelnden Integrationswillen und Parallelgesellschaften sowie der Unvereinbarkeit des Islam mit dem Grundgesetz, bevor R. sich wutschnaubend umdrehte und den Laden mit hochrotem Kopf verließ, sichtlich zufrieden damit, es diesem Kameltreiber mal so richtig gezeigt zu haben.

Ich ließ ihn ziehen, wohl wissend, dass er unweit des Geschäfts auf mich warten würde, sah er doch in mir den einzigen, der ihm einigermaßen Schutz vor den Wüstensöhnen und -töchtern bieten konnte. Ich bestellte seelenruhig und unterhielt mich noch ein paar Takte mit Costa, dem jungen Mann hinter dem Tresen, der aufgrund seiner griechischen Herkunft kaum ein Wort von dem Gebrüll R.s verstanden hatte und sich wunderte, was ich für komische Bekannte hatte. “Weißt du”, erklärte ich dem stolzen Hellenen. “Der stammt aus einer dieser Parallelgesellschaften, von denen immer so viel geredet wird: Der kleinbürgerlichen Provinz.” Costa staunte. “Ich dachte, er wäre vielleicht Hindu”, meinte er. “Weil er sich doch so wegen dem Rind aufgeregt hat.” “Wegen des Rindes“, korrigierte ich ihn automatisch. “Überfremde mich bitte nicht.”

Auf Abwegen

Monday, November 30th, 2009 8:36pm

aktion-tv.jpgAls just am vergangenen Freitagmorgen einigermaßen überraschend mein Fernsehapparat explodierte, wurde mir fast in derselben Sekunde bewusst, dass mein Wochenende wohl ein wenig anders verlaufen würde als sonst. Ich habe nämlich die schlechte Angewohnheit,  von Samstag früh bis Sonntag spät praktisch ununterbrochen vor der Glotze zu sitzen und Fußball zu gucken. Wenn es sein muss, sogar noch bis Montagabend, wo die ruhmreiche 2. Liga ihre sagenumwobenen Montagsspiele austrägt.

Doch damit war es erstmal Essig, also musste eine Alternative her. Auf das Ballgetrete schlichtweg zu verzichten, kam selbstverständlich nicht in Frage. Also anderntags raus aus der Joggingshose, rein in die Jeans, den Mantel an und ab durch die Tür. Nach einem Vormitag voller Entbehrungen und einsetzender Entzugserscheinungen bewegte ich meinen Hintern hoffnungsfroh zum nahegelegenen Stadion, wo am Nachmittag - Halleluja - ein Spiel des örtlichen Vereins, dem VfB Friedrichshain 1911, stattfand.

Bis zum Anpfiff ging alles glatt. Die Mannschaftsaufstellungen wurden unter Gejohle verlesen, verstand man einen Namen nicht, konnte man ihn auf der Anzeigetafel nachlesen. Das Spiel begann mit einem vielversprechenden Angriff des VfB, der jedoch von der Abwehr am Strafraum gestoppt werden konnte -  und genau da nahmen die Unannehmlichkeiten ihren Lauf: Foul oder nicht Foul? Abseits etwa? Aber wie sollte ich das wissen, so ganz ohne Zeitlupe sowie den fachmännischen Kommentator aus dem TV? Ich blickte erwartungsvoll Richtung Anzeigetafel, aber: Fehlanzeige. Von dort war keine Hilfe zu erwarten.anzeige.jpg

Wenig später das nächste Ärgernis: Ich hatte einen Platz auf der Gegengerade, in weiser Vorrausicht hatte ich die Kurven hinter den Toren gemieden, weil man von dort aus lediglich die Aktivitäten wahrnimmt, die in dem Strafraum stattfinden, der direkt davorliegt. Nun saß ich allerdings circa 20 Meter links der Mittellinie und konnte lediglich erahnen, was die Gäste vom FC Antalya Neukölln an Versuchen, die gegnerische Defensive in Verlegenheit zu bringen, unternahmen.  Obendrein: Keine Zeitlupen, keine Wiederholungen aus verschiedenen Blickwinkeln, keine Gewinnspiele, kurz: das pure, echte Leben, live und direkt. Grauenerregend.

Nach etwa einer halben Stunde bekam ich Hunger. Natürlich war kein Kühlschrank weit und breit zu entdecken. Seufzend begab ich mich in Richtung Ausgang, wo ich Essensgerüche zu wittern glaubte und fand mich an einem lieblos gestalteten Stand wieder, an dem ich eine fettige Wurst in einem pappigen Brötchen für stolze 5 Euro 25 erstand. Zurück auf meinem Platz suchte ich instinktiv nach der Spielstandsanzeige oben rechts, aber da war keine. Natürlich. Ich sah mich also genötigt, einen anderen Sportfreund zu fragen. Nachdem mich jedoch der fünfte besoffene Idiot ahnungslos angegrinst und bedauernd die Schultern gehoben hatte, gab ich auch diesen Versuch wieder auf. Der zwischenmenschliche Dialog war gescheitert, mal wieder.

Nach der ersten Halbzeit hatte ich genug. Ich verließ das Stadion wutentbrannt. Ein glatter Reinfall! So bleib mir wenigstens die Enttäuschung erspart, in der Pause auch noch auf die liebgewonnenen Kurzinterviews, die kompetenten Spielanalysen sowie die fürsorglichen Kaufempfehlungen der Industrie verzichten zu müssen. Ich würde mir wohl oder übel ein neues Hobby suchen müssen - oder einen neuen Fernseher kaufen.

Dialog der Kulturen I

Tuesday, October 20th, 2009 12:36pm

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Mein Nachbar Alexej grinst hämisch. “Kultur?”, fragt er mich und zeigt seine nicht unmäßig gepflegten Zähne. “Was hat Deutschland denn überhaupt zum allgemeinen Weltkulturerbe beigetragen in den letzten, sagen wir mal, hundert Jahren?”

Ich mustere ihn von oben bis unten. Seine Haare sind nicht zu bändigen, aber offenbar hat er es auch gar nicht versucht. Sein Atem riecht wie immer leicht nach Vodka - genetisch bedingt, da seine Familie aus Minsk in Weißrußland stammt. “Ich verstehe deine Frage nicht, Alexej”, antworte ich ihm jetzt. “Meinst du denn, es sei eine kulturelle Leistung, einen Liter Vodka am Tag trinken zu können, ohne umzufallen? Von Frauen, die auch im Frühsommer noch Pelzmäntel tragen und mit deren Schminke man riesige Leinwände bemalen könnte, wollen wir lieber erst gar nicht sprechen!”

Er zuckt kurz zusammen, grinst aber tapfer weiter und erwidert renitent: “Schon gut, du brauchst dich nicht zu verteidigen. Ist ja nicht deine Schuld oder so. Aber gib es doch wenigstens zu. Ihr Deutschen habt seit den glorreichen Tagen von olle Goethe nix mehr anständiges auf die Beine gestellt. Von dieser Tatsache kannst du doch auch durch Gegenkritik nicht ablenken.”

Er ist gut. Dabei müsste ihm der Vodka nach menschlichem Ermessen bereits mindestens die Hälfte seiner Gehirnzellen weggefräßt haben. Ich suche in Gedanken verzweifelt nach einer Möglichkeit, seine Argumente zu widerlegen, als mir plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel die rettende Idee kommt.

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“Daimler Benz!” rufe ich erleichtert aus, mein triumphierendes Gelächter schallt durchs Treppenhaus. Alexej krümmt sich, als habe man ihn in die Magengrube getreten. Er öffnet den Mund, aber bringt keine geordnete Antwort mehr zustande. Ich lasse den vorderasiatischen Hinterwäldler einfach stehen, schließemeine Türe auf und betrete laut pfeifend meine Wohnung. Soll Alexej doch seinen Gorki oder Puschkin lesen, ich abonniere jetzt sofort die “Auto Bild”. Aus Gründen der kulturellen Überlegenheit, versteht sich.

Überläufer des Monats

Monday, June 01st, 2009 12:16am

Manchmal hilft ein Blick in die Geschichtsbücher, um aktuelle Ereignisse richtig einzuordnen. Oder um die angemessene Strafe für bestimmte Vergehen zu ermitteln. Der Genosse Stalin beispielsweise hatte, wie kolportiert wird, die schöne Angewohnheit, Verräter aus dem Lager des Feindes, die zu ihm übergelaufen waren, zunächst alles erzählen zu lassen, was sie wussten, um sie anschließend zu liquidieren. Väterchen Stalin wusste eben ganz genau: Wer meinen Feind verrät, wird irgendwann auch mich verraten. Einmal Verräter, immer Verräter.


Nun ist der Überläufer des Monats zwar vielleicht unbedingt kriegsentscheidend, aber ein schlimmer Verrat ist es schon, vom VfB Stuttgart zu den Bayern zu wechseln. Das ist nicht fein, so etwas tut man nicht. Hoeneß (obwohl der aufhört), Rummenigge und Konsorten sind keine guten Menschen, sondern schlimmes Gesindel, das man zu meiden hat. Basta. Ausnahmen gibt es keine. Eine denkbar einfache Regel also.

Nicht einfach genug für Mario Gomez anscheinend. Der sah sich nicht in der Lage, das Interesse der Bayern länger zu ignorieren oder wenigstens einen anständigen anderen Verein zu finden, der seine Dienste benötigt, das heißt bezahlt. Daher beging er Hochverrat und sollte, anstatt nun Deutscher Meister zu werden, nach guter, alter Stalin’scher Manier behandelt werden. Bleibt zu hoffen, dass sich herausstellt, dass Gomez ausschließlich im weißen Trikot mit dem Brustring trifft. Das wären dann zwei Fliegen mit einer Klappe:  Strafe für den Verräter und seine neue Buhlschaft.

Let’s get back to business!

Thursday, March 26th, 2009 4:56pm

In Bälde geht es hier weiter - und zwar sowas von!

Endlich wieder Kino!

Friday, January 18th, 2008 1:29pm

Nach einer harten Durststrecke, die mein persönliches Kinobesuchverhalten seit etwa einem halben Jahr praktisch lahmgelegt hat, zumindest was neue Filme angeht, ist nun endlich wieder eine Oase in Sicht - und das ist keine Fata Morgana.

cybSchon bei der letzten Berlinale, also rund vor einem Jahr, lief der sagenhafte Streifen “I’m A Cyborg But That’s OK” des koreanischen Regisseurs Chan-Wook Park , der in den deutschen Kino bisher lediglich mit seinem doch etwas konventionellen Rachedrama “Oldboy” vertreten war.

“I’m A Cyborg” ist ganz anders. Das farbenprächtige, phantasievolle Filmmärchen um ein Mädchen, das sich für einen Cyborg hält, erinnert von der gelungenen, verspielten und detailverliebten Umsetzung ein wenig an das Gondry-Meisterwerk “Science Of Sleep”. Genau wie bei dem französischen Werk ist die Story im Grunde nicht besonders außergewöhnlich und lässt sich mit der Standardinhaltsangabe “Boy meets girl” eigentlich ausreichend widergeben.

Nur: Erstens ist das m. E. sowieso das einzige, einigermaßen relevante Thema auf diesem Planeten und zweitens geht es bei einem Film eben nicht nur (wenn überhaupt) um den Plot, sondern vor allem um die ästhetische Umsetzung. Und die ist nicht nur einfach gut, spitze oder überragend, sondern setzt tatsächlich neue Maßstäbe. Nicht mehr und nicht weniger. Genau so und nicht anders soll man die neuen Möglichkeiten, die die Technik zu bieten hat, filmisch nutzen. Grandios und einzigartig.

Eva sollte öfter den Mund halten

Saturday, September 29th, 2007 12:44pm

“Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben….“evalein

Stehen bleiben dürfen sollte jedenfalls nicht so eine hochnotpeinliche, sprachlich dürftige Ansammlung von gestammelten Halbsätzen, deren konkreter Inhalt sich einem auch nach mehrmaligen Lesen kaum erschließen mag. War Hitler etwa ‘68er? Oder hat zumindest die geistigen Vorraussetzungen für die Studentenproteste geschaffen? Und findet Evalein es denn nun gut, dass die Nazis die Mutter abschaffen wollten, bzw. die Werte? Und wer ist hier eigentlich “völlig durchgeknallt”? Das alles “weiß” nur Frau Herrman höchstpersönlich, der offensichtlich kein Mittel zu peinlich ist, wenn es darum geht, ihrem neuesten Machwerk (ein Buch kann man’s wohl kaum nennen) zu ein bisschen medialer Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Wenigstens wissen wir nun, was das Evalein tatsächlich anstrebt: Immerhin nicht die Rückkehr zur Mutter als Gebährmaschine, die Nachschub an Soldaten und weiteren Gebährmaschinen für den Weltenkrieg liefern soll, dafür eine kleine Zeitreise ins Neunzehnte Jahrhundert. Nun, das kann Frau Herrman doch viel leichter haben, auch ohne Zeitmaschine: Eine baldige Übersiedlung in die Islamische Republik Iran oder nach Saudi-Arabien dürfte ihren Erwartungen ziemlich entgegen kommen. Dort schätzt man noch eine klare, mitunter strenge Rollenteilung von Mann und Frau und hält recht wenig von den sogenannten Werten angeblich emanzipatorischer Träumer. Guten Flug.