Mein Nachbar Alexej grinst hämisch. "Kultur?", fragt er mich und zeigt seine nicht unmäßig gepflegten Zähne. "Was hat Deutschland denn überhaupt zum allgemeinen Weltkulturerbe beigetragen in den letzten, sagen wir mal, hundert Jahren?"
Ich mustere ihn von oben bis unten. Seine Haare sind nicht zu bändigen, aber offenbar hat er es auch gar nicht versucht. Sein Atem riecht wie immer leicht nach Vodka - genetisch bedingt, da seine Familie aus Minsk in Weißrußland stammt. "Ich verstehe deine Frage nicht, Alexej", antworte ich ihm jetzt. "Meinst du denn, es sei eine kulturelle Leistung, einen Liter Vodka am Tag trinken zu können, ohne umzufallen? Von Frauen, die auch im Frühsommer noch Pelzmäntel tragen und mit deren Schminke man riesige Leinwände bemalen könnte, wollen wir lieber erst gar nicht sprechen!"
Er zuckt kurz zusammen, grinst aber tapfer weiter und erwidert renitent: "Schon gut, du brauchst dich nicht zu verteidigen. Ist ja nicht deine Schuld oder so. Aber gib es doch wenigstens zu. Ihr Deutschen habt seit den glorreichen Tagen von olle Goethe nix mehr anständiges auf die Beine gestellt. Von dieser Tatsache kannst du doch auch durch Gegenkritik nicht ablenken."
Er ist gut. Dabei müsste ihm der Vodka nach menschlichem Ermessen bereits mindestens die Hälfte seiner Gehirnzellen weggefräßt haben. Ich suche in Gedanken verzweifelt nach einer Möglichkeit, seine Argumente zu widerlegen, als mir plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel die rettende Idee kommt.
"Daimler Benz!" rufe ich erleichtert aus, mein triumphierendes Gelächter schallt durchs Treppenhaus. Alexej krümmt sich, als habe man ihn in die Magengrube getreten. Er öffnet den Mund, aber bringt keine geordnete Antwort mehr zustande. Ich lasse den vorderasiatischen Hinterwäldler einfach stehen, schließemeine Türe auf und betrete laut pfeifend meine Wohnung. Soll Alexej doch seinen Gorki oder Puschkin lesen, ich abonniere jetzt sofort die "Auto Bild". Aus Gründen der kulturellen Überlegenheit, versteht sich.
Autor: Oliver Marquart


ha ))
AntwortenLöschenAch Gottchen, wie witzig!
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