Doch damit war es erstmal Essig, also musste eine Alternative her. Auf das Ballgetrete schlichtweg zu verzichten, kam selbstverständlich nicht in Frage. Also anderntags raus aus der Joggingshose, rein in die Jeans, den Mantel an und ab durch die Tür. Nach einem Vormitag voller Entbehrungen und einsetzender Entzugserscheinungen bewegte ich meinen Hintern hoffnungsfroh zum nahegelegenen Stadion, wo am Nachmittag - Halleluja - ein Spiel des örtlichen Vereins, dem VfB Friedrichshain 1911, stattfand.
Bis zum Anpfiff ging alles glatt. Die Mannschaftsaufstellungen wurden unter Gejohle verlesen, verstand man einen Namen nicht, konnte man ihn auf der Anzeigetafel nachlesen. Das Spiel begann mit einem vielversprechenden Angriff des VfB, der jedoch von der Abwehr am Strafraum gestoppt werden konnte -Â und genau da nahmen die Unannehmlichkeiten ihren Lauf: Foul oder nicht Foul? Abseits etwa? Aber wie sollte ich das wissen, so ganz ohne Zeitlupe sowie den fachmännischen Kommentator aus dem TV? Ich blickte erwartungsvoll Richtung Anzeigetafel, aber: Fehlanzeige. Von dort war keine Hilfe zu erwarten.
Wenig später das nächste Ärgernis: Ich hatte einen Platz auf der Gegengerade, in weiser Vorrausicht hatte ich die Kurven hinter den Toren gemieden, weil man von dort aus lediglich die Aktivitäten wahrnimmt, die in dem Strafraum stattfinden, der direkt davorliegt. Nun saß ich allerdings circa 20 Meter links der Mittellinie und konnte lediglich erahnen, was die Gäste vom FC Antalya Neukölln an Versuchen, die gegnerische Defensive in Verlegenheit zu bringen, unternahmen. Obendrein: Keine Zeitlupen, keine Wiederholungen aus verschiedenen Blickwinkeln, keine Gewinnspiele, kurz: das pure, echte Leben, live und direkt. Grauenerregend.
Nach etwa einer halben Stunde bekam ich Hunger. Natürlich war kein Kühlschrank weit und breit zu entdecken. Seufzend begab ich mich in Richtung Ausgang, wo ich Essensgerüche zu wittern glaubte und fand mich an einem lieblos gestalteten Stand wieder, an dem ich eine fettige Wurst in einem pappigen Brötchen für stolze 5 Euro 25 erstand. Zurück auf meinem Platz suchte ich instinktiv nach der Spielstandsanzeige oben rechts, aber da war keine. Natürlich. Ich sah mich also genötigt, einen anderen Sportfreund zu fragen. Nachdem mich jedoch der fünfte besoffene Idiot ahnungslos angegrinst und bedauernd die Schultern gehoben hatte, gab ich auch diesen Versuch wieder auf. Der zwischenmenschliche Dialog war gescheitert, mal wieder.
Nach der ersten Halbzeit hatte ich genug. Ich verließ das Stadion wutentbrannt. Ein glatter Reinfall! So bleib mir wenigstens die Enttäuschung erspart, in der Pause auch noch auf die liebgewonnenen Kurzinterviews, die kompetenten Spielanalysen sowie die fürsorglichen Kaufempfehlungen der Industrie verzichten zu müssen. Ich würde mir wohl oder übel ein neues Hobby suchen müssen - oder einen neuen Fernseher kaufen.
Autor: Oliver Marquart


Fein, du oller Couchpotatoe ;-)
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