Dienstag, 15. Dezember 2009

Dialog der Kulturen II

Letzte Woche war mein Bekannter R. zu Gast bei mir in Berlin. R. wohnt in Bottrop und verspürte wohl ein verständliches Bedürfnis nach ein wenig Abwechslung vom trüben Provinzleben, als er mich aus heiterem Himmel (wir kennen uns nur oberflächlich von einer gemeinsam besuchten Kulturveranstaltung) anrief und fragte, ob er ein paar Tage bei mir wohnen könne.

Schon am Ostbahnhof, wo ich ihn abholte, machte er ein grimmiges Gesicht. Ein Mann habe auf seinem reservierten Platz gesessen und er habe die ganze Fahrt stehend verbracht. "Warum hast du ihn denn nicht auf seinen Fehler aufmerksam gemacht?" R. lachte höhnisch. Ob ich denn noch nichts vom linken, politisch korrekten Zeitgeist gehört hätte? Der Mann sei afrikanischer Abstammung gewesen, und wenn man "so einen" auffordere, den unrechtmäßig besetzten Platz zu räumen, müsse man damit rechnen, von wildgewordenen 68er-Gutmenschen als "Rassist" diffamiert zu werden - außerdem, wer wisse denn, ob der dunkelhäutige Herr keine Tropenkrankheit oder ähnliches gehabt und den Sitz bereits infiziert habe? Ich begann zu ahnen, dass es ein anstrengender, aber auch unterhaltsamer Besuch werden würde.

Um R. eine Möglichkeit zu geben, seine Vorurteile weiter zu vertiefen, nahm ich ihn gleich am nächsten Tag mit nach Neukölln. R. glaubte den Bezirk aus zahllosen RTL 2-Reportagen zu kennen, die ihn als einen Hort religiös fanatischer, frauenverprügelnder Kokainhändler verkauft hatten. Triumphierend deutete R. mit ausgestrecktem Zeigefinger auf alles, was er aus dem Fernsehen kannte: Dunkelhaarige Männer, Obst- und Gemüseläden und - Frauen mit Kopftüchern. R. hatte so etwas noch nie live zu Gesicht bekommen, und in einem Anfall von Übermut (eine Überdosis Berliner Luft?) ging er mit einem überlegenen Grinsen auf eine junge Frau - türkises Koptuch, Stretchjeans und Highheels - zu und versicherte sie seines aufrichtigen Mitleids, dass sie so ein Symbol der Unterdrückung tragen müsse - ob man nicht ihre Eltern verklagen solle? Die Frau schaute ihn ratlos an. „Meine Eltern waren geschockt, die haben gefragt, ob ich das wirklich will“, erzählt die Unterdrückte. „Das ist ein Schutz vor Fremden, man wird nicht mehr so doof angequatscht und es ist auch ein Schutz vor der Witterung, gerade wenn es so kalt ist.“ R. fiel dazu nichts ein, er trat den geordneten Rückzug an und murmelte etwas von Gehirnwäsche.

Ich grinste in mich hinein und schlug vor, etwas essen zu gehen. R. willigte ein, sein kleiner, ungehört verhallter Vortrag hatte ihn wohl hungrig gemacht. Zielsicher steuerte ich einen Falafel-Laden an, wohl wissend, dass es dort unausweichlich zum clash of cultures kommen würde. Nach einem kurzen, verständnislosen Blick auf die Karte (Falafel, Haloumi, Makali) blaffte R. den jungen Mann hinter dem Tresen unwirsch an, von welchem Tier das Fleisch am sich munter drehenden Schawarma-Spieß stamme. "Doch sicher nicht vom Schwein, wie?", rief er aufgeregt. "Keine Sorge, Mann", beruhigte ihn der Verkäufer. "Das ist Rindfleisch." Empört blies R. Luft durch die Nase, richtete sich zu voller Mannesgröße auf (1,72 m) und brüllte lauthals ins Gesicht des überraschten Fremden: "Es ist aber Deutschland hier! Da isst man Schweinefleisch! Das ist so! Und das bleibt auch so! Deinen Hammel kannst du in deinem eigenen Scheißland fressen. Hier ist Deutschland und da gibt es Schwein, du Schwein!" Es folgten noch ein paar soziologische Betrachtungen über mangelnden Integrationswillen und Parallelgesellschaften sowie der Unvereinbarkeit des Islam mit dem Grundgesetz, bevor R. sich wutschnaubend umdrehte und den Laden mit hochrotem Kopf verließ, sichtlich zufrieden damit, es diesem Kameltreiber mal so richtig gezeigt zu haben.

Ich ließ ihn ziehen, wohl wissend, dass er unweit des Geschäfts auf mich warten würde, sah er doch in mir den einzigen, der ihm einigermaßen Schutz vor den Wüstensöhnen und -töchtern bieten konnte. Ich bestellte seelenruhig und unterhielt mich noch ein paar Takte mit Costa, dem jungen Mann hinter dem Tresen, der aufgrund seiner griechischen Herkunft kaum ein Wort von dem Gebrüll R.s verstanden hatte und sich wunderte, was ich für komische Bekannte hatte. "Weißt du", erklärte ich dem stolzen Hellenen. "Der stammt aus einer dieser Parallelgesellschaften, von denen immer so viel geredet wird: Der kleinbürgerlichen Provinz." Costa staunte. "Ich dachte, er wäre vielleicht Hindu", meinte er. "Weil er sich doch so wegen dem Rind aufgeregt hat." "Wegen des Rindes", korrigierte ich ihn automatisch. "Überfremde mich bitte nicht."


Autor: Oliver Marquart