Da ich nicht viel Geld habe, kann ich das gesparte leider nicht ausgeben, da ich es nicht tatsächlich besitze, sondern nur nicht nicht-besitze, also keine Schulden bei ominösen Instituten, die mir meine Bank fast täglich empfiehlt, machen muss. Das hat den Vorteil, dass mir noch nie jemand die Hand gebrochen oder mein Auto beschädigt hat (jedenfalls nicht mutwillig). Die Zeit wiederum nutze ich dazu, mir obskure Schallplatten aus den 70ern anzuhören, zum Beispiel "African Flashback" von Louis Sclavis oder das selbstbetitelte Debüt von Dick Annegarn, dessen Namen mir ein New Yorker Künstler einmal ebenso kurz wie einleuchtend buchstabierte: "Dick - like a penis."
Manchmal werde ich traurig von der Musik und den Texten, die wenig andere Themen haben als die Liebe, und hier bevorzugt die körperliche Variante davon, unersättlich, verschwitzt, stinkend. Dann habe ich das dringende Bedürfnis, auch zu schwitzen und zu stinken, also versuche ich, meine Prinzipien, wenn schon nicht zu brechen, so doch vorsichtig zu umgehen. Schließlich bezieht sich mein Grundsatz ja nur auf alkoholische Getränke. Ein Tomatensaft läuft dem nicht zuwider und schmeckt auch gut, hat allerdings den Nachteil, dass er dem Ego von Frauen nicht sonderlich schmeichelt, weil er vergleichsweise billig ist (ich bestelle deshalb immer gleich drei, was aber meist nicht als Großzügigkeit ausgelegt wird, sondern eher als Zeichen von einsetzendem Schwachsinn). Dass er die Stimmung erheblich lockern oder auch nur aufheitern würde, kann man ebenfalls nicht behaupten.
So kehre ich dann wieder völlig nüchtern und allein in meine Wohnung zurück, habe ebenso viel Geld investiert wie meine Freunde (dreiundzwanzig Tomatensäfte kosten nicht schlecht) und muss trotzdem wieder unverschwitzt Dick Annegarn hören. Zum Glück ist seine Musik wirklich toll. Sonst wäre das alles ja auch kaum auszuhalten.
Autor: Oliver Marquart



Herrlich!
AntwortenLöschendas zuröhren reicht nicht;
AntwortenLöschendas hineinhöhren ist nicht zureichend;
die physischen Sinne reichen einfach nicht aus-
die beiden zeigen (einfach) einen weg - wohin?