Freitag, 26. Februar 2010

Im falschen Film?

Hastig eile ich durch den Kinosaal. Die Lichter gehen gerade aus, die Werbung ist vorbei und der Hauptfilm beginnt in wenigen Augenblicken, the movie will beginn in five moments, wie Jim Morrison mal gesagt hat. Hektisch suche ich nach einem freien Sitzplatz in strategisch günstiger Lage, also nahe am Gang (für etwaige Klobesuche), ohne allzugroße Vorderleute und in perfekter Nähe respektive Ferne zur Leinwand.

In Reihe 8 ist noch ein Platz frei, der diese Anforderungen erfüllt, erleichtert sinke ich in den Sessel. "Da bist du ja, Frank", raunt meine Nebensitzerin mir zu. Ich heiße nicht Frank. Aber das ist jetzt egal, der Film hat angefangen und während der Vorstellung rede ich nie, kein Wort. Das tun Cineasten nämlich nicht, nur diese Barbaren mit ihren Chipstüten, Popcorneimern und 1-Liter-Cola-Kübeln, die vermutlich in billige Komödien oder lahme Actionfilme strömen - ich weiß es nicht, bin auf Vermutungen angewiesen, da ich selbstverständlich nur echte Filmkunst sehe.

Völlig im Bann des italienischen Schwarz-Weiß-Films aus den 60ern, der über die Leinwand flimmert, merke ich zunächst gar nicht, dass sich die Hand meiner Nebensitzerin auf meinen Oberschenkel gelegt hat. Ich achte nicht weiter auf ihre plumpen und höchstwahrscheinlich irrtümlichen Annäherungsversuche, die wohl nicht mir, sondern Frank gelten, und konzentriere mich ganz auf die Bildsprache des großen Pasolini.

Trotzdem entgeht es meiner Aufmerksamkeit nicht, dass ihre Hand immer weiter nach oben wandert, also dahin, wo's wirklich interessant wird. Nur, dass mich im Moment nur eines interessiert, und zwar der Film. So sind wir Cineasten halt - Frauen schön und gut, aber bitte auf der Leinwand. Dass meine Unbekannte nun den neuralgischen Punkt erreicht hat. löst bei mir zwar eine unvermeidliche körperliche Reaktion aus, lässt mich intellektuell gesehen jedoch völlig kalt. Ich schaue weiter unverwandt nach vorn.

Es wird allerdings zunehmend schwieriger, der ohnehin mehrschichtigen und komplex erzählten Handlung zu folgen, denn nun übertreibt es meine Nebensitzerin langsam wirklich. Eine Hand scheint ihr nicht mehr zu genügen, sie nimmt die zweite zu Hilfe und öffnet mit geübtem Griff meine Hose. Auch gut, denke ich mir, und unternehme weiter nichts, die Dame auf ihren Irrtum hinzuweisen, schließlich sprechen Cineasten nicht während der Vorstellung.

Ich könnte mittlerweile sowieso kein Wort mehr herausbringen. Meine neue Bekannte ist wirklich sehr geschickt, nicht nur mit den Händen. Verstohlen schaue ich mich um, ob nicht jemand bemerkt hat, dass sie nicht mehr ordnungsgemäß in ihrem Sessel sitzt, sondern zur Hälfte auf meinem, zur Hälfte am Boden hängt. Mit etwas Anstrengung schaffe ich es immerhin, allzu auffällige Lautentäußerungen zu vermeiden, als ihre Zärtlichkeiten den unausweichlichen Höhepunkt erreichen.

Entspannt hänge ich nun im Sessel und streichele ihre Hand. Mir ist klar, dass es ein böses Erwachen geben könnte, wenn nach der Vorstellung das Licht angeht. Nun verbietet es sich für einen echten Cineasten aber, vor Ende des Films (und das ist frühestens nach dem Nachspann, keine Sekunde eher) den Saal zu verlassen. Mit stoischer Gelassenheit bleibe ich also sitzen.

"Fine" verkündet die Leinwand, und die weniger cineastisch geschulten Besucher erheben sich von ihren Plätzen und drängen ungeduldig zum Ausgang, obwohl es noch stockdunkel im Saal ist. "Willst du den Nachspann noch sehen, Frank? Ich geh schon mal vor, muss dringend für kleine Mädchen", lässt meine Nebensitzerin mich wissen und stolpert Richtung Ausgang. Zufrieden lehne ich mich zurück und verfolge als der echte Cineast, der ich bin, die Liste von italienischen Namen, die auf der Leinwand abgespult wird. Wie gut, dass der Saal zwei Ausgänge hat.


Autor: Oliver Marquart


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