
Ich sitze jetzt seit etwa einer halben Stunde auf der Bank im Volkspark Friedrichshain und habe soeben festgestellt, dass das Mädchen, das sich vor einigen Minuten neben mich gesetzt hat, ein Robot ist. Oder eine Roboterin? Nun, jedenfalls ist sie kein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut wie die meisten von uns, sondern eine Maschine, ein aus Drähten und Kabeln zusammengesetztes, künstlich intelligentes Konstrukt.
Wie ich das festgestellt habe? Nun, durch nüchterne, klarsichtige Beobachtung. Wie denn sonst? Ein weniger rationaler Zeitgenosse hätte sich vielleicht von ihren haselnussbraunen Augen täuschen lassen, aus denen so viel Wärme zu strömen scheint, oder von den drallen Brüsten, die sich unter ihrem engen T-Shirt abzeichnen. Männer fallen auf so etwas ja gern herein. Nicht so ich. Ich blieb trotz dieser optischen Schlüsselreize und der milden Frühlingsluft ungeachtet der kühle Analytiker, der ich bin und habe "sie" durchschaut. Ha!
Denn als sie sich mit einem unverbindlichen Lächeln in meine Richtung setzte, da hörte ich ganz deutlich das Quietschen ihrer Gelenke. Vielleicht braucht sie ja mal wieder ein wenig Öl. Vielleicht muss auch ein Ersatzteil ausgetauscht werden. Was weiß ich, ich bin ja kein Techniker. Meine technische Begabung ist derart gering ausgeprägt, dass sie sich in der Fähigkeit, die Batterien einer Fernbedienung auszuwechseln, vollends erschöpft. Aber mein Gehör funktioniert ausgezeichnet.

Da war das Quietschen schon wieder. Dieses Mal hat sie sich gar nicht bewegt, zumindest nicht für mein langsames, menschliches Auge erkennbar. Aber man weiß ja, dass diese Roboter verflucht flink sind. Unsereiner kriegt gar nichts mit, während die Blechbrüder mal eben einen ganzen Straßenzug in Schutt und Asche legen. Das kann man jeden Tag im Fernsehen lernen. Vermutlich hält sie mich für naiv und leicht zu täuschen, wegen meines treuherzigen Blickes. Aber der ist freilich nur Fassade, mich täuscht sie nicht, nein, das wäre ja noch schöner.
Offenbar haben ihr ihre Sensoren gemeldet, dass ich sie enttarnt habe, denn nun geht sie zum Gegenangriff über. Sie schenkt mir ein strahlendes Lächeln, das täuschend echt wirkt und lässt irgendeine banale Bemerkung über den Frühling fallen, der sein blaues Band... und so weiter, ich höre kaum hin, mein Herz klopft: Die Androidin hat mich durchschaut. Meine Augen flitzen hin und her. Ich muss weg.
Nur nichts anmerken lassen! Mit äußerster Beherrschung zwinge ich mich, zurückzulächeln und sogar selbst eine banale Bemerkung über das Wetter fallen zu lassen. Sie merkt nicht, dass ich merke, dass sie was gemerkt hat, schießt es mir durch den Kopf und ich fühle Triumph in mir aufsteigen. Die Menschmaschine hat keine Chance gegen den klugen menschlichen Geist, die unbestechliche, unveräußerliche menschliche Seele, groß ist der Mensch, ich-

Ich erwache neben der Bank, mehrere besorgte Gesichter beugen sich über mich. "Keine Ahnung, eben haben wir noch geplaudert, und plötzlich ist er von der Bank gefallen", höre ich eine Stimme sagen, es klingt wie von ganz weit her. Verdammt, sie hat doch was gemerkt und mich mit ihrem Neutronenstrahl oder sowas außer Gefecht gesetzt. Das Spiel ist aus, ohne Gegenwehr lasse ich mich auf eine nahegelegene Wiese legen. Ich ergebe mich der Herrschaft der Maschinenmenschen. Wenigstens haben sie schöne Augen.
Autor: Oliver Marquart
ich liebe Robotergeschichten :D
AntwortenLöschen"Sie merkt nicht, dass ich merke, dass sie was gemerkt hat, schießt es mir durch den Kopf und ich fühle Triumph in mir aufsteigen."
AntwortenLöschenWo hastn du schreiben gelernt? Bei dem Schreibstil würd ich mich ehrlich schämen; pack dein Geschmier in dein Word aber bitte nicht in die Öffentlichkeit. Arm. Super Wortspiel auch der Titel, Respekt! ;-)