Freitag, 28. Mai 2010

Einmal Glück und zurück


Komisch. Die S-Bahn spinnt wohl mal wieder, denke ich. Vor einigen Minuten habe ich am Bahnhof Landsberger Allee mein Buch aufgeschlagen (natürlich ein Klassiker der Weltliteratur, könnte ja sein, dass mich jemand sieht, der bzw. die gut aussieht). Inzwischen habe ich um die 30 Seiten gelesen, aber der Zug hat gar nicht angehalten. Ich merke das daran, dass ich meine Lektüre nicht unterbrochen habe, denn bei jedem Halt hebe ich automatisch den Blick von den Seiten mit den vielen Buchstaben und mustere beiläufig die Zusteigenden.

Ich schaue aus dem Fenster. Reibe mir erstaunt die Augen. Schaue noch einmal. Kein Zweifel, ich muss schlecht geschlafen haben. Oder zu gut. Was da draußen vor dem Fenster vorbeizieht, ist nicht die deutsche Hauptstadt, noch nicht einmal deren angeschlossene landwirtschaftliche Nutzfläche, also das schöne Brandenburg. Unter einem strahlend blauen Himmel erstrecken sich endlos scheinende Sandstrände, in der lustig lachenden Sonne glitzert tiefblauer Ozean. Bin ich an der Ostsee gelandet, an die ich nun seit Jahren schon mal einen Ausflug machen will, der bisher allerdings im Stadium einer Idee verharrt? Möglicherweise ist der Zug aufgrund irgendeines unverständlichen technischen Fehlers auf ein falsches Gleis geraten. Aber auch diese, aufgrund der vergangenen bzw. eben nicht vergangenen Zeit ohnehin extrem unwahrscheinliche Variante scheidet aus. Denn seit wann recken sich an der Ostsee Palmen in den Himmel, an denen auch noch Bananenstauden prangen?

Ich schaue mich im Wagen um, ob jemand da ist, mit dem ich meine Eindrücke teilen kann. Niemand. Ich bin der einzige Fahrgast. Der Zug wird jetzt langsamer, wir passieren ein kleines Dörfchen, dessen Bewohner dicht am Wasser gebaut haben. Kleine, weiße Häuschen im Schatten von Palmen, ein paar buntgekleidete Kinder stehen an den Gleisen und winken fröhlich. Ich winke zurück. Meine anfängliche Verwunderung ist inzwischen einer wachsenden Heiterkeit und Freude gewichen. Ungehindert von grauen Mauern oder Wolken schweift mein Blick unstet umher, erblickt hier ein paar exotische Vögel, dort eine kleine, der Küste vorgelagerte Insel.

Wenn ich jetzt mein Badezeug dabei hätte, wäre alles perfekt, denke ich. Allerdings macht mir dieser Mangel auch keine allzugroßen Sorgen. Schließlich kann diese perfekte, harmonische Landschaft nur das Paradies, der gute, alte Garten Eden sein. Und da war ja sowieso FKK angesagt. Ich schiebe die Fensterscheibe herunter, würzige, aromatische Düfte strömen herein. Ich schließe verzückt die Augen, schnuppere und genieße. Das warem Sonnenlicht streichelt mein Gesicht, ich bin ganz bei mir, ganz im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit entschwindet meiner Erinnerung und eine etwaige Zukunft interessiert mich nicht. Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.

Plötzlich ein Knacken, eine Durchsage. Welche Sprache hier wohl gesprochen wird, überlege ich lächelnd mit geschlossenen Augen. Die Antwort folgt sogleich, so monoton wie unverbindlich im Ton: "Nächste Station: Greifswalder Straße. Ausstieg links." Ich öffne irritiert die Augen und sehe: Grau. Mauern. Wolken. Berlin im Mai 2010. Der Zug hält, die Türen öffnen sich, ich stolpere verwirrt auf den Bahnsteig und werde von einem breitschultrigen Glatzkopf, der an mir vorbeiläuft, beiläufig angerempelt. "Pass doch uff!", raunzt er mich an. "Dieser Zug endet hier", verkündet der Lauptsprecher. Kein Zweifel, ich bin wieder zuhause. Bitte alle aussteigen.


Autor: Oliver Marquart


1 comments:

  1. Hehe. Wie gewonnen, so zerronnen?

    Das mit dem Willen und der Vorstellung üben wir einfach noch ein bisschen.

    AntwortenLöschen