
Gestern war ich bei Natalie auf ein Tässchen Kaffee eingeladen. "Auf ein Tässchen Kaffee" ist natürlich die verklausulierte Version von "Ich finde dich gut, komm vorbei und wir schauen mal, was alles passiert", und da die Einladung auf ihre Initiative zurückging, ist auch klar, wer hier wen "gut findet". Ich selber hatte gar keine so genaue Erinnerung an Natalie, die ich eher unter "flüchtige Bekannte" als unter "Zaubermaus" führe, aber da mir gerade langweilig gewesen war, nahm ich die Einladung an.
Schon als sie die Tür öffnete, erinnerte ich mich wieder. Natalie war jene dünne, ja, geradezu knochige Dunkelhaarige, die mich bereits einmal unter einem ähnlichen Vorwand, allerdings zusätzlich entschlossen betrunken, in ihr Quartier gelockt und dort zu den Klängen einer Diana Ross-Aufnahme tatsächlich recht bald alle Hemmungen sowie Textilien fallen gelassen hatte. Dabei hatte sich leider herausgestellt, dass sie nicht nur sehr, sehr dünn, fast knochig war, sondern auch, dass sie kein einziges Schamhaar ihr Eigen nannte bzw. nennen wollte. Da halfen auch die drei großzügig eingeschenkten Vodka Orange nichts, mit ihren kaum vorhandenen Rundungen und dem haarlosen Schambereich sah Natalie aus wie ein 11jähriges Mädchen. Unverrichteter Dinge verließ ich damals die Wohnung unter einem in meinen Bart gemurmelten Vorwand.
Nun war ich also wieder hier. Erwartungsfroh grinste Natalie mich an, ich griente schief zurück und folgte ihr einigermaßen betreten in ihre Küche, wo der kleine Kaffeetisch schon gedeckt war. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen, griff in meine Hemdtasche und zog eine Schachteln Zigaretten heraus, zweifellos in der Absicht, mir erstmal eine anzustecken, um lässig den Rauch ausatmen und bedeutungsschwanger mit der brennenden Kippe herumwedeln zu können (auch wenn Natalie auf mich keine Anziehung auswirkte - eitel bin und bleibe ich trotzdem immer). Doch da folgte schon der erste Schock: Ein spitzer Schrei Natalies tat mir eindeutig kund, dass Rauchen in ihrer Wohung nicht nur unerwünscht, sondern glatt verboten war. Seufzend fügte ich mich in mein Schicksal.
Das nächste Ärgernis ließ nicht lange auf sich warten. Zu einem Milchkaffee, wie ich ihn gerne trinke, gehört mit einiger Sicherheit Milch, und eine solche stand auch ordnungsgemäß auf dem Tisch, das heißt, leider eben eigentlich doch nicht. Vielmehr stand dort ein Erzeugnis, das sich "fettarme Milch" nennt, zu etwa gleichen Teilen aus Wasser und weißer Farbe besteht und nach nichts schmeckt. Spöttisch fragte ich Natalie, ob sie ihr Bier auch mit Wasser verdünne, aber die blöde Kuh kapierte gar nicht, wovon ich sprach.Egal. Der Milchersatz ohne Geschmack und Stil (selbstverständlich im Tetrapak, nicht, wie es sich gehört, in einer Glasflasche) war schnell vergessen, denn zum immerhin akzeptablen Mehrkornbrot reichte Natalie allen Ernstes Margarine, keine Butter. Mein Vortrag über ungesättigte Fettsäuren und die glasklare Überlegenheit der wunderbaren, natürlichen Butter über die dumme und fiese Margarine stieß bei Natalie auf taube Ohren. Sie war das Opfer eines schrecklichen Zeitgeists: Zucker, Kohlenhydrate und Fett hielt sie für Teufelszeug, nicht ahnend, dass man ohne den Teufel nicht leben kann. Annehmbar erschienen ihr hingegen von hinterlistigen Nahrungskonzernen erdachte, minderwertige Diätprodukte, die in denselben Labors entstanden sind, in denen einst Frankenstein erschaffen wurde. Ich sah: das Grauen.
Natalies Gesprächsthemen waren kaum geeignet, mich auf andere Gedanken zu bringen. Nachdem sie einem mittelkurzen Referat über ihren von der perfiden Gehirnwäsche der Kosmetikindustrie erzeugten Ekel vor jeglicher Körperbehaarung eine ebenso unersprießliche Erörterung ihrer Abneigung gegen natürliche Geruchsausdünstungen folgen ließ, wollte sie gerade zu einem Plädoyer für das inhumane Verbrechen namens Schönheits-OP ansetzen, das sie ohne einen Anflug von Ironie für einen Bestandteil der menschlichen Selbstbestimmung hielt (tatsächlich ist natürlich exakt das Gegenteil der Fall), als es mir eindetutig zu bunt (bzw. zu lebens- wie menschenfeindlich) wurde und ich ihre Wohnung genauso verließ wie das letzte Mal: Hastig und unter einem in den Bart germurmelten Vorwand.
Da sie dieses Mal nicht betrunken war, gab sie nicht sofort kampflos auf. Sie grabschte nach meinem Hemdkragen, bekam ihn auch zu fassen und krallte ihre Finger mit einem triumphierenden Grinsen in den weichen Stoff. doch da fiel ihr Blick auf meine prächtig entwickelten Brusthaare. Das Blatt hatte sich gewendet. Kraftlos sanken ihre Hände herab, alle Farbe wich aus ihrem schmalen Gesicht und sie konnte nur in stummer Verzweiflung den Kopf schütteln. Einem echten, lebendigen Menschen war dieser haar-, geruchs- und fettarme Cyborg eben nicht gewachsen. Stolz und in stummem, aber bewundernden Andenken an meine affenähnlichen Ur-Ur-Urahnen verließ ich ihr Labor ohne mich noch einmal umzudrehen. Autor: Oliver Marquart
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