Dienstag, 20. Juli 2010

Sommerloch



Nirgends ist der urbane Mensch so einsam wie in der Sommerhitze. Unbarmherzig knallt die Sonne auf den homo transpirensis nieder.Die Straße strahlt Wärme ab wie eine Herdplatte. In den Häuserschluchten regt sich nicht das leiseste Lüftchen. Nur wenige Menschen haben überhaupt einen Grund gefunden, ihre Häuser zu verlassen, vermutlich liegt ihre Wohung auf der Südseite des Hauses. Halb betäubt schleichen sie durch die asphaltierte Steppe. An eine Kontaktaufnahme ist nicht zu denken (und auch an sonst nichts, denn zum Denken braucht man einen kühlen Kopf).

Ich schwitze, obwohl ich mich nur äußerst langsam vorwärts bewege und versuche, den sonnigen Abschnitten aus dem Weg zu gehen (Sunny side of the street? Am Arsch.). Der Schweiß rinnt mir in mehreren Bächen den Körper hinunter. Da er dies schon seit geraumer Zeit tut, haben sich bereits einige unangenehm klebrige Stellen gebildet. Ich habe vor nicht mal eine halben Stunde kalt geduscht (zum vierten Mal seit dem Aufstehen), aber ich fühle mich schon wieder schmutzig. In diesem Zustand möchte man niemanden umarmen, von längerem körperlichen Kontakt ganz zu schweigen.

Zwei Mädchen kommen mir entgegen, sie haben kaum ein Stück Stoff am Leib. Beide tragen enge weiße Hotpants, die eine ein trägerloses schwarzes Oberteil, die andere ein tief ausgeschnittenes, ärmelloses Top. Beide sind von der Hitze gezeichnet, ihre Nasen glänzen, ihre nackten Beine tragen sie ohne Anmut über den glühend heißen Gehweg. Ausdruckslos mustere ich sie durch meine Sonnenbrille, ihr Anblick löst in mir rein gar nichts aus. Die Vorstellung, eine von ihnen (oder beide) der wenigen noch verbliebenen Kleidungsstücke zu entledigen, weckt in mir keinerlei Begeisterung oder auch nur Interesse. Lediglich den dumpfen Gedanken: Viel zu anstrengend.

Natürlich sind die Sommernazis schuld an diesem ganzen erbärmlichen Zustand, die Sonnentaliban, die bei erträglichen 25° noch frech daher meinen, es könne ruhig noch etwas wärmer sein. Jetzt, wo das Quecksilber im Thermometer unerbittlich Richtung 40° steigt, wollen sie es natürlich wieder nicht gewesen sein. "Das haben wir so nicht gewollt", stammeln sie, wie ertappte Stasi-Schergen oder NSDAP-Wähler. Aber es ist zu spät. Jetzt haben sie den Salat. Wir.

Da plötzlich ein Geräusch! Ein leises Grollen von oben! Ein Flugzeug vielleicht? Nein, Donner! Donnerwetter - ein Gewitter käme jetzt gerade recht. So ein schöner frischer Starkregen, der die Luft um etwa zehn bis fünfzehn Grad abkühlt. So in etwa sieht im Moment meine Vorstellung von Erlösung aus. Der Donner wird lauter, auch Blitze sieht man schon zucken. Gleich muss der erste Tropfen fallen, er muss einfach! Ich kann nicht länger warten, es muss etwas geschehen. Mit letzter Kraft streife ich mir mein Hemd über den Kopf, öffne meinen Gürtel, lasse meine Hose herunter, ziehe schließlich auch die Unterhose aus und beginne ohne lange nachzudenken mitten auf dem Bürgersteig zu tanzen. Wie verrückt stampfen meine nackten Füße auf den heißen Boden, wie entfesselt schwenken meine Arme durch die schwüle Luft, mein Kopf kreist, als sei ich vom Teufel besessen. Gleich muss der erste Tropfen fallen, gleich....

Der Donner wird leiser, die Blitze ziehen weiter. Kein Tropfen ist gefallen, nicht ein einziger. Es ist noch heißer als vorher. Die wenigen Passanten, die vorbeikommen, versuchen, nicht weiter auf den nackten Mann mit dem rotgeschwitzten Gesicht zu achten, der da etwas verloren auf dem Bürgersteig herumsteht. Sie lachen mich noch nicht mal aus: Viel zu anstrengend.



Autor: Oliver Marquart


2 comments:

  1. guter text.......
    schätze ich.....
    kann.... nicht... lesen....

    zuuu anstrengend!

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  2. Haha, schön!

    Aber, oh, ich merke gerade... ich habe morgen wohl Kopfschmerzen. Wollen wir uns im Winter wieder treffen?

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