Mittwoch, 22. September 2010

Eifersucht - das sind die Anderen!


Seit etwa zehn Minuten sitze ich hier in der Spätsommersonne, die Bedienung hat mir gerade meinen doppelten Espresso gebracht, die neue "Titanic" liegt aufgeschlagen vor mir, ich blättere müßig darin und schaue mir eher die Bilder an als längere, zusammenhängende Texte zu lesen. Blau erstreckt sich der Himmel über mir, und man kann mit Recht behaupten, dass ich gerade einen der eher seltenen Momente im Leben eines modernen, wo nicht postmodernen Menschen erlebe, da ich mich im Einklang mit meiner gerade noch vorhandenen Rest-Natur befinde.


Kurz: Innere Zufriedenheit erfüllt mich. Mein schweifender Blick fällt auf einen neuankommenden Gast, das heißt eigentlich auf eine Gästin. Suchend blickt sie sich um und setzt sich dann an einen freien Tisch, der gerade so nah bei meinem steht, dass ich ihr kastanienbraunes Haar riechen zu können glaube. Zufällig schaut sie in meine Richtung, ihre dunkelbraunen Augen blicken für einen Moment in meine, ihr kleiner, aber voller Schmollmund verzieht sich zu einem kurzen, unverbindlichen Lächeln - und es ist um mich geschehen! Ich muss diese Frau haben. Sie besitzen. Sie darf nur mir gehören, keinen Anderen soll sie eines Blickes würdigen, keinem Anderen zuhören als mir, mir, mir! Mit meiner Ausgeglichenheit ist es vorbei, in meinem Kopf dröhnt das Blut, ich muss mich am Tisch festhalten, um nicht vom Stuhl zu fallen.



Ein weiterer Gast betritt die Szene. Er schaut sich kurz um und geht dann sicheren Schritts zielstrebig auf den Tisch meiner neuen, großen Liebe zu. Selbstzufrieden lachend begrüßt er sie mit Küsschen links-rechts, eine alberne Affektiertheit, die mir schon immer zuwider war, es sei denn, Französinnen, Türkinnen oder Schweizerinnen sind im Spiel, was hier wohl kaum der Fall sein dürfte. Lässig lässt er sich auf einen Stuhl fallen, lehnt sich zurück und streicht sich nachlässig durch sein volles, kräftiges, dunkles Haar. Unwillkürlich fahre ich durch meine strohige, strähnige, eher schüttere Haarpracht - ich hätte mir heute morgen ja auch wirklich mal die Haare waschen können.

Ohnmächtig muss ich mit ansehen, wie meine Schöne und der Schönling sich bestens verstehen. Sie lachen viel zusammen, wobei sie ihre strahlend weißen Zähne zeigt, und er sein Haifischlächeln. Dem teueren Anzug und der von jeglichem Selbstzweifel freien Ausstrahlung nach ist er ein skrupelloser Karrierist, der vermutlich Andere für sich arbeiten lässt, sie sicher unter Tarif bezahlt und währenddessen gemütlich in der Sonne sitzt und sich mit schönen Frauen vergnügt. Typisch! Ich will ihm wehtun, ihm eine reinhauen, und dann noch eine, eine links und eine rechts. Meine Faust ballt sich. Mein Espresso ist kalt geworden.



Ich versenke mich in meine düsteren Gedanken. Ach ja, Besitz. In einer auf Materialismus und Privateigentum aufgebauten Gesellschaft ist es ja kein Wunder, dass wir alles nur für uns haben wollen. Selbstlosigkeit? Teilen? Dazu raten Werbung und die F.D.P. nicht. Aber zur rücksichtslosen Vorteils- und Inbesitznahme, das ja. Das ist gut, das ist erstrebenswert. Frauen wollen genommen werden - und dann behalten. Du bist, was du hast. Oder, auf das Marktsegment "Liebe" übertragen, du küsst, wen du hast. Natürlich exklusiv. Eigentum verpflichtet. Pech nur für den, der nichts oder niemanden hat. Noch nicht mal einen Espresso, der trinkbar wäre. Ich bestelle einen neuen.


Mein neuer Feind indes bekommt einen Anruf auf seinem Mobiltelefon. Vermutlich sein Golfpartner, den er gerade warten lässt, denn er sondert herablassend entschuldigende Phrasen ab, winkt der Bedienung, zahlt und verabschiedet sich, natürlich wieder links-rechts. Er ist weg. Meine Schöne schaut ihm hinterher. Sie lacht nicht mehr. Sie lächelt nicht mal. Ist da nicht.... ich kann es kaum glauben, aber doch: Sie runzelt ein wenig die Stirn und schaut ihrem strahlenden Ritter ziemlich verächtlich hinterher. Jetzt bemerkt sie meinen Blick, ruhig schaut sie mich an. Ich hebe fragend die Augenbrauen, sie schnalzt abschätzig mit der Zunge und lächelt, lächelt mich an. Wohlgefühl breitet sich in mir aus: Die Revolution wird auch heute wieder nicht stattfinden, aber es ist an der Zeit für eine kleine Umverteilung.


Autor: Oliver Marquart




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