
Im Herbst fallen nicht nur Blätter, Außentemperaturen und Regentropfen, sondern auch Kleidungsstücke zu Boden, zum Beispiel, wenn man in einem der dafür vorgesehenen Hallenbäder schwimmen geht. Triefend stehe ich in der Umkleidekabine, meine nasse Badehose in der Hand, ein Handtuch um die Hüften und suche mein Kleiderfach. Das ist keine ganz einfache Aufgabe, da meine Augen nicht nur ziemlich kurzsichtig, sondern durch das Chlor auch noch zusätzlich in ihrer Sehfähigkeit eingeschränkt sind. Ah, da haben wir es doch: Nummer 153. Warum passt denn der Schlüssel nicht? Liegt das vielleicht auch am Chlor?
Ich fummele noch etwas ungeschickt an Schloss und Schlüssel herum, als die Tür zur Umkleide aufgeht. Was starren die mich denn so an, denke ich noch, als ein spitzer Überrschaungsschrei mir zu verstehen gibt, dass es sich um weibliche Badegäste handelt. Allerhand! Was machen die denn hier? Und wenn sie sich schon in der Tür geirrt haben, was ich mal höflicherweise annehmen will, obwohl mir im umgekehrten Fall sicher keiner oder vielmehr keine Glauben schenken würde, warum drehen sie sich dann nicht wieder um und gehen, sondern kommen auch noch einfach herein? Dreistigkeit, dein Name ist Weib, oder was?
Sie kommen näher, so nahe, dass auch meine geröteten Augen sie langsam deutlicher erkennen können. Es sind drei junge Frauen, die mich mit einer Mischung aus Überraschung, Ärger und unverhohlener Neugier anschauen. "Na?", spricht mich eine von ihnen, eine Schwarzhaarige mit herausforderndem Blick in einem silbernen Bikini, an. "Bisschen spannen oder was? Schon länger keine nackte Frau mehr gesehen oder wie?" Langsam ahne ich, dass es möglicherweise nicht die drei Grazien sind, die sich in der Tür geirrt haben. "Ich kann das erklären..." fange ich mit selbstbewusster Stimme an, aber genau in dem Moment rutscht mein Handtuch, ich greife danach, bin aber durch die Gesamsituation etwas nervös und fasse daneben, kann nicht verhindern, dass es quälend langsam, immerhn aber mit geradezu schwanengleicher Eleganz, zu Boden gleitet.Diese neue Situation ist nicht unbedingt geeignet, meine Nervosität zu senken. Trotzdem bleibe ich äußerlich ganz ruhig. Der Ärger der drei Damen ist mittlerweile eindeutig zugunsten einer spöttischen Neugier gewichen. "Tja, dumm gelaufen, Spanner", grinst die eine, eine üppige Blonde in einem roten Badeanzug und die dritte im Bunde, eine großgewachsene Brunette im blauen Schwimmdress, bückt sich rasch und hebt mein Handtuch auf. "Du hast etwas verloren, Spanner", feixt sie frech. Kühl und sachlich bleibend weise ich sie daraufhin, dass ich kein Spanner sein kann, da a) alle anwesenden Frauen bekleidet sind, b) ich selber nackt bin, c) meine Kurzsichtigkeit ohnehin einen schlechten Spanner aus mir macht und ich d) höflich darum bitte, mir mein Handtuch zurückzugeben.
Meinem Wunsch wird jedoch nicht entsprochen. Im Gegenteil, die Brunette wirft mein Handtuch unter dem lauten Gelächter ihrer Freundinnen über die Resopalwand der Umkleidekabine hinweg, endgültig außerhalb meiner Reichweite. Aber immer nur die Ruhe. Ich bewahre Haltung, was angesichts meiner Blöße allerdings reichlich schwerfällt. "Meine Damen", hebe ich an. "Bitte glauben Sie mir, dass dies alles ein unglückliches Mißverständnis ist. Ich hatte nie vor, Ihre Privatsphäre zu stören. Ich war in dem festen Glauben, mich in der Herrenumkleidekabine zu befinden." Ausgiebiges Gekicher, die drei stecken die Köpfe zusammen und tuscheln, während ich weiter Haltung bewahre und versuche, so zu tun, als ob nichts dabei wäre, völlig unverhüllt in der Damenumkleide herumzustehen."Na gut, Süßer", richtet die Schwarzhaarige mir das Ergebnis der kurzfristig anberaumten Damenkonferenz aus. "Wir wollen mal nicht so sein. Kann ja sein, dass du wirklich kurzsichtig bist. Also, mach, dass du rauskommst!" Innerlich erleichtert, doch äußerlich unbewegt nicke ich und begebe mich, unter den immer noch neugierigen Blicken der drei, Richtung Ausgang. "Einen schönen Abend noch", verabschiede ich mich mit ausgesuchter Höflichkeit. "Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben." Auf dem Gang hebe ich mein Handtuch auf, als sei nichts gewesen und gürte es um die Hüften. Da geht die Tür zur Damenumkleide nochmal auf, die Schwarzhaarige grinst aus der Tür. "Wenn du das nächste Mal vorher fragst, darfst du gerne wiederkommen", raunt sie mir zu und zwinkert vielsagend. Ich deute eine Verbeugung an. "Herzlich gerne. Auf baldiges Wiedersehen", erwidere ich und gehe mit würdevoller Miene meiner Wege.
Autor: Oliver Marquart
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