Also keine Minute verschwendet. Ich wende den Wagen, mit dem ich eigentlich gerade zu einem Interview fahren wollte und gebe Gas. Neue Richtung: Brandenburg, die Ostprignitz. Mein Handy schalte ich aus. Mir doch egal, wenn mein Interviewpartner nun einsam und sinnlos im Maritim Hotel herumsitzt. Soll er sich halt mit dem Portier unterhalten. Ich muss raus hier - und das duldet keinen Aufschub, nicht mal die geschätzten vierzig Sekunden, die eine telefonische Absage in Anspruch genommen hätte.
Sobald ich die steinernen Wohntürme hinter mir gelassen habe, schlägt mein Herz viel leichter. Unwillkürlich beginne ich, ein kleines Liedchen zu summen, meine Finger trommeln fröhlich auf dem Lenkrad herum. Um mich herum nichts als Landschaft, Wiesen, Felder, Bäume. Ja, Bäume, vor allem Bäume, denn nun bin ich endlich in einem dichten Wald angekommen. Ich parke mein Auto und laufe einfach los, mittenhinein ins verheißungsvolle Dunkelgrün.

Ich muss schon seit Stunden unterwegs sein. Vielleicht hätte ich doch etwas zu trinken mitnehmen sollen? Langsam fühlt sich mein Hals etwas trocken an. Doch wer braucht hier schon Volvic? Nur der Kleingläubige. Vor mir öffnet sich unvermutet eine kleine Lichtung, die einen stillen, klaren Waldsee beherbergt. Herrlich. Eine kleine Erfrischung kann nicht schaden. Doch was ist das? Ein leises Plätschern verrät mir, dass ich nicht allein bin. Vorsichtig nähere ich mich dem Ufer, suche Schutz hinter einigen hohen Schilfhalmen.
Ich hatte mit vielem gerechnet, einem Reh vielleicht oder einem Wildschwein, aber nicht damit. Meine erstaunten Augen erblicken eine menschliche Gestalt im Wasser. Lange, blonde Haare glänzen feucht im der Spätnachmittagsonne. Anmutig fallen sie auf einen herrlich gebogenen Rücken. Ich wage kaum zu atmen, als sich das Geschöpf, von dem ein eigenartiger Glanz ausgeht, ein wenig in meine Richtung dreht. Kein Zweifel, der Badegast ist nicht nur weiblich, sondern auch wunderschön. Zwei kleine, aber volle Brüste streifen die Wasseroberfläche.
Ich bin wie verzaubert. Atemlos verfolge ich die anmutigen Bewegungen der Badenden, die jetzt mit ein paar schnellen Zügen in Richtung Ufer schwimmt, dann aber innehält und sich umsieht. Hat sie mich etwa bemerkt? Nein, hat sie nicht. Jedenfalls planscht sie seelenruhig weiter, lässt ihren schlanken Leib vom Wasser umspielen. Der Anblick lässt in mir Erinnerungen an alte Sagen und Mythen aufsteigen. 'Diese Schöne ist zu schön, um wahr zu sein', schießt es mir durch den Kopf. 'Sie ist keine Sterbliche, sie ist Artemis, die Göttin der Jagd, die sich nach getaner Arbeit beim Bade entspannt'.

Ein durchaus reizvoller Gedanke. Leider fällt mir in diesem Moment ein, was Artemis der Legende nach mit einem sie beim Baden beobachtenden Jungen einst getan haben soll. Sie hat ihn in einen Hirsch verwandelt. Bei aller Liebe zum Wald: Ich will nicht als Wildbraten im nächsten Landgasthof enden. Die Vorstellung schreckt mich auf, ich zucke zusammen und das Schilf raschelt und biegt sich auseinander - ich bin entdeckt.
Jetzt ist es auch schon egal. Mit dem Mut desjenigen, der nichts mehr zu verlieren hat, weil er sowieso in Kürze als Hirschgulasch in die ewigen Jagdgründe eingehen wird, erhebe ich mich und springe ins Wasser. Das ewig Weibliche zieht uns hinan, mit ein paar Kraulschlägen erreiche ich die Göttin, die mich überrascht, aber nicht unfreundlich anschaut. "Hallo", sage ich. "Ich weiß schon, dass du als Jagdgöttin sehr auf deine Keuschheit bedacht bist, aber meinst du nicht, du könntest für einen zukünftigen Hirschgulasch eine Ausnahme machen?" Die Göttin bricht in schallendes Gelächter aus. "Ein blöderer Spruch ist dir wohl auf die Schnelle nicht eingefallen, wie?" Bevor ich etwas erwidern kann, umfassen ihre Arme mich und ihr Gesicht nähert sich meinem - auf Lippenlänge. Ganz und gar unkeusch.
Mir dämmert etwas. "Bist du vielleicht gar nicht Artemis? Dann bist du wohl eine ihrer Nymphen. Ist deine Herrin denn weit genug weg, dass wir uns hier ungestört vergnügen können?", frage ich listig. Sie antwortet, indem sie mich küsst. Anscheinend hat Artemis heute einen freien Tag. Ich lasse mich nicht lange bitten und erwidere ihre Zärtlichkeiten nun ungeniert. In einem nassen Rausch verschwimmt alles um uns herum.

Später liege ich erschöpft neben ihr am Ufer, im Wasser, das unsere Körper umspielt, glitzern die letzten Sonnenstrahlen. "Ist das Gerede von Göttinnen und Nymphen deine übliche Masche oder spinnst du nur ein bisschen?", will sie wissen. "Du meinst wohl, einer Försterstochter kann man alles erzählen, wie?" Ich lächele schweigend und fahre spielerisch durch ihr nasses Haar. Ob eine schöne Förstertochter wohl auch ein schönes Hirschgulasch kochen kann? Langsam bekomme ich nämlich Hunger.
Autor: Oliver Marquart
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