Freitag, 10. Dezember 2010

Es weihnachtet sehr

Der Schnee knirscht unter den Sohlen meiner schwarzen Stiefel und der falsche Rauschebart fängt langsam an zu jucken. Der Schnee rieselt auch schon seit mehreren Stunden, leise zwar, wie sich das gehört, aber unaufhörlich, was zur Folge hat, dass ich schon wieder die Frontscheibe freiwischen muss. So, letzter Kunde, endlich. Jetzt schnell noch einmal das übliche Programm runterrattern ("Sti-hille Nacht...", "Seid ihr auch brav gewesen?", "Ho! Ho! Ho!") und dann ab nach Hause, die sich ankündigende Erkältung mit einem schönen Kräuterschnaps in Zaum halten. Sollen die anderen ruhig Weihnachten feiern - ich hau mich in die Koje und lass den Vater des Christkinds einen guten Mann sein.



Dingdong. Schnell noch einmal den Bart zurecht gezurrt, ein fröhliches Lächeln aufgesetzt und los geht's. Sieht ganz schön gediegen aus, das Einfamilienhaus, vor dessen Tür ich nun warte. Nach einigen Augenblicken öffnet eine geschmackvoll gekleidete blonde Mittvierzigerin, die mich aus etwas müden, Augen zerstreut anblickt. "Ja?", sagt sie fragend, als hätte sie mich nicht bei der Agentur für Weihnachtsmänner bestellt. An sich lehne ich das Konzept des von Coca Cola umfunktionierten Nikolaus ja grundsätzlich ab. Aber der Job ist gut bezahlt und natürlich macht es Spaß, Kinderaugen zum Leuchten zu bringen. Außerdem hat es unbestreitbar einen gewissen Reiz, in all die verschiedenen Wohnzimmer zu kommen und einen kurzen Einblick in das Leben der anderen zu erhalten. "Ho! Ho! Ho!", intoniere ich mit gezwungener Heiterkeit. "Ich bin der Weihnachtsmann und habe Geschenke für die braven Kinderlein mitgebracht."

Ihr Blick bleibt undurchdringlich, aber mit freundlicher Stimme bittet sie mich herein. "Können Sie die Schuhe vielleicht ausziehen? Ich habe vorhin erst gewischt", meint sie. Auch wenn ich einen strumpfsockigen Weihnachtsmann noch alberner als einen in Stiefeln finde, leiste ich ihrem Wunsch Folge. Es ist schließlich Heilig Abend. "Soll ich gleich loslegen?", frage ich sie und greife nach meinem nicht mehr ganz so prall gefüllten Sack. "Kommen sie einfach mit", ist ihre unbestimmte Antwort. Ich folge ihr ins Wohnzimmer, wo vor einem lustig flackernden Kamin ein liebevoll geschmückter Weihnachtsbaum steht, zufrieden registriere ich, dass er mit echten, brennenden Kerzen bestückt ist. Der Tisch ist gedeckt, zahlreiche Schüsseln und Töpfe stehen bereit. Nur eines fehlt: Die Empfänger der Geschenke. "Wollen Sie die Kinder jetzt hereinholen?", flüstere ich ihr mit einem verschwörerischen Zwinkern zu. Sie lächelt nur ein wenig müde.

"Ich fürchte, es gibt keine Kinder. Meine Tochter ist bereits 20 und feiert mit ihrem Freund. Außer uns beiden ist niemand im Haus", sagt sie und bittet mich mit einer einladenden Geste zu Tisch. "Setzen Sie sich, essen Sie mit mir, trinken Sie mit mir. Schließlich bezahle ich Sie dafür." Ich bin überrascht. Natürlich hat man derlei Geschichten schon gehört, verzweifelte verlassene Hausfrau sucht am Heiligabend etwas Gesellschaft und bestellt sich einen Weihnachtsmann, aber bislang hatte ich solche Stories in das Reich der klassischen Männerphantasie verwiesen. Und nun bin ich plötzlich mittendrin. Vorsichtig setze ich mich und werfe einen Blick auf die aufgetischten Leckereien. Nicht übel, das muss ich sagen. "Haben Sie das alles selbst gekocht", frage ich, um irgendetwas zu sagen. "Natürlich nicht", lacht sie und schenkt mir großzügig Rotwein in mein Glas ein.

Das Essen schmeckt vorzüglich, der Rotwein ist gut und schwer. Ein oder zwei Stunden später sind wir beide satt, angetrunken und per Du. Ich versichere Susanne gerade zum wiederholten Male, dass ihr Ex-Mann, der sie vor einigen Jahren hat sitzen lassen, ein Arschloch ist (auf den Fotos, die sie mir gezeigt hat, sieht er jedenfalls aus wie eines, außerdem ist er auch noch Zahnarzt), woraufhin sie eine weitere Flasche 61er-Château Latour entkorkt und mir einschenkt. 'Angetrunken' umschreibt meinen Geisteszustand mittlerweile doch nicht mehr ganz angemessen, ich bin einigermaßen voll. Dasselbe könnte man aber auch über Susanne sagen. "Nimm doch endlich mal deinen komischen Bart ab" kichert sie und greift spielerisch danach. "Und wenn du schon dabei bist" - sie schaut mir auf einmal tief in die Augen und ihre Stimme bekommt einen heiseren, fordernden Klang- "mach's dir doch etwas bequemer!"

Ich verstehe, worauf sie hinauswill, täusche aber Unverständnis vor. Ihr Ansinnen überschreitet das Kundin-Dienstleister-Verhältnis beträchtlich. Inzwischen ist sie aber so in Fahrt gekommen, dass sie sich von meiner Zurückhaltung nicht abschrecken lässt. Im Gegenteil, sie steht auf, nimmt mich bei der Hand und führt mich zum Kamin, vor dem wir uns niederlassen. In meinem Kostüm fange ich bald an zu schwitzen, der Schweiß rinnt mir von der Stirn. "Siehst du, viel zu warm", grinst sie und fängt an, mich meines roten Gewandes zu entledigen. Bald hat sie mich bis auf die Unterhose entkleidet. Schon schicken ihre geschickten Finger sich an, mich auch dieses Kleidungsstückes zu entledigen, als plötzlich die Tür aufgeht und ein hübsches, etwa 20jähriges Mädchen im Zimmer steht.


"Jana", ruft Susanne überrascht aus. "Wo kommst du denn jetzt schon her?" Die so Angesprochene kann sich ob des Anblicks, den ihre mutmaßliche Mutter und ich bieten, ein Grinsen nicht verkneifen. "Mir war kalt, außerdem ist Simon sowieso ein Arschloch und da dachte ich mir, feiere ich lieber noch ein bisschen mit dir, Mama. Aber wie ich sehe, hast du schon Gesellschaft. Da will ich mal nicht stören", meint Jana und macht Anstalten, das Zimmer zu verlassen. Da kennt sie mich aber schlecht. Rasch hefte ich mir den Rauschebart wieder an, was angesichts meines ansonsten fast nackten Zustandes möglicherweise etwas albern aussieht, aber egal. "Bist du denn auch brav gewesen, Jana?", frage ich mit meiner bewährten Donnerstimme. Es funktioniert. Jana dreht sich wieder um und kommt interessiert näher. "Lass doch", meint Susanne etwas nervös. "Wir können doch auch ohne sie weiterfeiern." "Das entspräche aber nicht gerade dem Geist der Weihnacht", entgegne ich sehr bestimmt. Jana stimmt mir eifrig zu und lässt sich nun ebenfalls vor dem Kamin nieder. Ich lege einen Arm um Susanne, den anderen um Jana und schaue zufrieden ins Feuer. "Ich glaube, wir können nun zur Bescherung kommen", murmele ich in meinen Bart. Feiern Mormonen eigentlich auch Weihnachten?


Autor: Oliver Marquart


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