Mittwoch, 19. Januar 2011

Eine Rose ist eine Rose



Dornen. Überall Dornen. Mein Messer reicht dafür nicht. Ich ziehe die Machete, die ich von einem bolivianischen Koka-Bauern bei meiner Reise quer durch Südamerika geschenkt bekommen habe, weil ich seine Tochter nicht geschwängert habe, aus meiner Tasche. Damit geht es besser. Konzentriert und verbissen kämpfe ich mich durch die dichten Rosensträucher, die das alte Gemäuer bewachsen - oder bewachen?

Schon von weitem habe ich das verlassene Schloss gesehen. Neugierig, wie ich bin, habe ich meine geplante Route verlassen, um mir das Bauwerk anzuschauen. Beim Näherkommen habe ich festgestellt, dass es über und über mit dichtem, dornigem Rosengestrüpp bewachsen ist. An irgendetwas erinnert mich das, ein altes Lied oder eine vergessene Geschichte, aber egal. Ich bin kein Mann der Vergangenheit, sondern einer der Gegenwart und der darin stattfindenden Tat, also sehe ich zu, wie ich mir einen Weg durch das stachelige Gemüse bahnen kann. Hab ja sonst gerade nicht viel vor.



Nach etwa einer halben Stunde habe ich endlich eine Schneise in das erstaunlich sture Gesträuch geschlagen, die groß genug ist, um hindurchzukriechen. Zu meiner Enttäuschung muss ich aber feststellen, dass ich das dahinterliegende Fenster vom Boden aus nicht erreichen kann, es liegt zu hoch. Zum Glück habe ich in meiner Tasche die ausklappbare Kletterleiter, die mir ein tibetanischer Mönch im nepalesischen Exil einst geschenkt hat, zum Dank dafür, dass ich ihm das neue Hörbuch vom Dalai Lhama gebrannt habe.



Ich bin drin. Herrlich! Was für ein Gefühl. Bestimmt war seit mehreren Jahrzehnten niemand mehr in diesem Schloss. Dabei ist die Einrichtung noch erstaunlich gut erhalten. Dem Stil der Möbel und Teppiche nach haben hier einst entweder ziemlich exzentrische Leutchen gewohnt oder es steht wirklich seit über hundert Jahren leer. Ein tadellos erhaltener Armleuchter aus purem Gold, dessen Kerzen ich mit den Streichhölzern entzünde, die mir seinerzeit ein bulgarischer Landwirt geschenkt hat, zum Dank dafür, dass ich seine Frau überfahren hatte (ein Versehen, natürlich), spendet mir Licht und ich wandle staunend durch die schier endlosen, ungeheuer prunkvoll ausgestatteten Flure und Gänge.



Schließlich komme ich an einer besonders prächtig geschmückten Tür an. Sie ist geschlossen, lässt sich aber mühelos öffnen. Ich betrete ein Gemach, in dem ein rosafarbenes Himmelbett steht. Abgesehen von einer dünnen Staubschicht ist alles so, als wäre das Zimmer bewohnt. Als ich näher an das Bett herantrete, zucke ich erstaunt zurück: Es liegt jemand darin! Ein wunderschönes Mädchen mit blonden Locken und einem kirschroten Mund, das sanft im Schlaf lächelt. Offenbar hat sie gerade einen schönen Traum. Sie sieht so friedlich aus. Ich kann nicht anders, ich beuge mich vorsichtig zu ihr hinunter und küsse sie.

Sie schlägt die Augen auf, blinzelt verschlafen und schaut mich dann ganz ruhig an. Meine Gegenwart scheint sie nicht zu beunruhigen. "Da bist du ja endlich", sagt sie nun mit einer hellen, klaren Stimme, die in meinen Ohren wie Musik klingt. "Ich habe so lang geschlafen und darauf gewartet, dass du mich aufweckst." Anscheinend ist sie noch nicht ganz wach, denke ich, als sie plötzlich wie von der Nadel gestochen aus dem Bett springt. "Oh nein, die böse Stiefmutter", ruft sie ängstlich. "Ich höre ihre Schritte, ich erkenne sie am Gang! Schnell, du musst dich verstecken!" Ich habe keine Ahnung, was hier vorgeht, aber ihr Tonfall ist so von Dringlichkeit erfüllt, dass ich keine dummen Fragen stelle.



Ich blicke mich im Zimmer um, aber es gibt keinen Schrank oder ähnliches. Schon wird die Türklinke von außen heruntergedrückt. Blitzschnell hebe ich das kostbar bestickte Nachtgewand der jungen Dame an und schlüpfe in letzter Sekunde darunter. "Na, Dornröschen", höre ich durch den zum Glück recht dicken Stoff hindurch die kalte Stimme einer älteren Dame. "Endlich ausgeschlafen? Möchtest du vielleicht einen Apfel zum Frühstück?" Die Angesprochene antwortet nicht. Ich spüre, wie sie am ganzen Leib zittert. Außerdem trägt sie nichts drunter, aber für unkeusche Gedanken ist jetzt leider keine Zeit. Kurz entschlossen fahre ich wie vom wilden Affen gebissen unter dem Nachthemd hervor und ramme mit einem filmreifen Sprung der alten Hexe, die das arme Mädchen so ängstigt, mein Messer in die Brust. So bin ich eben.

Erleichtert stürzt mir die Blondgelockte in die Arme. "Danke, danke, danke", stammelt sie und birgt ihr Gesicht an meiner starken Brust. "Du hast mich gerettet. Du bist mein Prinz. Du kannst alles von mir haben, was du willst." Ich streichele ihre Locken. "Gern geschehen", erwidere ich lässig. "Ich würde mich gern erstmal ein bisschen ausruhen. Rosen schneiden macht müde. Das Bett sieht bequem aus - ich glaube, ich könnte jetzt hundert Jahre schlafen."- "Oh, sag das lieber nicht", lächelt meine neue Bekannte, als wir gemeinsam in die weichen Kissen sinken.


Autor: Oliver Marquart

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