Es ist neun Uhr morgens, die Sonne scheint, die Vöglein zwitschern...., nein, tun sie nicht, es ist ja auch erst Anfang März. Innerlich beschwingt, doch leicht nervös mache ich mich auf den Weg, der mich, wie die letzten Tage schon, zu einem kleinen Antiquariat in einer scheinbar vergessenen Nebenstraße führt. Eine kleine Glocke leutet, als ich die hohe Holztür mit dem großen Glasfenster darin öffne und den Laden mit angehaltenem Atem betrete. Es riecht nach Staub, altem Papier und Holzpolitur, ein geheimnisvoller, geradezu mythischer Geruch, der mir da in die Nase steigt und mich sogleich betört. Ich befinde mich inmitten von Bücherstapeln, ach was, Büchertürmen, Bücherwolkenkratzern, die überall um mich herum in die Höhe ragen, bis zur Decke und manchmal sogar noch höher, bis sie meinem Blick entschwinden.
Buchrücken an Buchrücken an Buchrücken. Nebeneinander, übereinander, gestapelt, aufeinandergelegt. Wieviele Buchstaben sich insgesamt in diesem kleinen Laden wohl befinden, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf. Niemand kann sie zählen, nicht mal schätzen, vermutlich. Viele Buchrücken sind mit Buchstaben beschriftet, die ich gar nicht lesen kann, Fraktur ist noch eine harmlosere Schriftart unter vielen, chinesische, arabische und hebräische Zeichen, selbst Hieroglyphen meine ich zu sehen. Der Ort ströhmt so viel Wissen (oder vermeintliches Wissen, schließlich kann man auch mit hebräischen Buchstaben jede Menge unbelegte Behauptungen niederschreiben) aus, dass ich in Ehrfurcht erstarre. Es herrscht hier eine Atmosphäre, die mich in Demut erstarren lässt.Doch ich bin keineswegs wegen der Atmosphäre hier. Die ist höchstens ein angenehmer Nebeneffekt. Der wahre Grund, warum ich nun seit drei oder vier Tagen täglich hierher komme, steigt soeben die kleine Holztreppe, die den hinteren, höhergelegenen Teil des Ladens mit dem vorderen verbindet, herunter. Er, also der Grund, trägt eine dicke Brille, langes braunes Haar, einen schlichten grauen Rock und ist unverkennbar weiblichen Geschlechts. Wie die Tage zuvor beachtet er bzw. sie mich nicht, würdigt mich nichtmal eines Blickes, sondern ist ausschließlich damit beschäftigt, Bücher zu sortieren, einzuordnen oder zu katalogisieren.

Ich räuspere mich. Keine Reaktion. Ich räuspere mich nochmal, dieses Mal etwas lauter. Sie schaut nicht mal in meine Richtung. Egal, denke ich, dieses Mal gehe ich nicht, bevor ich nicht wenigstens ein paar belanglose Worte mit ihr gewechselt habe. "Weißt du, was ich mich immer gefragt habe", hebe ich an, wobei ich mich erstens wundere, dass ich sie sogleich duze, obwohl wir noch nie miteinander auch nur ein einziges Wort gesprochen haben und zweitens selbst gespannt bin, wie der Satz nach dieser rhetorischen Frage wohl weitergehen wird. Immerhin hat sie den Kopf gehoben und schaut mich das erste Mal tatsächlich an, mit einem Blick, der Belustigung, Verwunderung oder vollkommenes Desinteresse ausdrücken könnte, darüber bin ich mir nicht so sicher. Ich hole kurz Luft und fahre zu meinem Erstaunen mit fester, klarer Stimme fort: "Wie lautet wohl die maskuline Form von 'Regenrinnen'?" Oh mein Gott. Was für ein alberner Scherz! Sie quittiert es mit einem Lächeln, dessen Konnotation mir ebenfalls nicht ganz klar ist und wendet sich wortlos wieder ihren Druckerzeugnissen zu. Mit rotem Kopf verlasse ich den Laden. Das Glöckchen bimmelt hämisch.
Am nächsten Morgen bin ich wieder. Aus dem gestrigen Fehlversuch habe ich gelernt. Heute bin ich vorbereitet. Als die namenlose Schöne wieder die kleine Treppe herunterkommt, auf dem Arm einen erklecklichen Bücherstapel, da setze ich mein freundlichstes Lächeln auf und frage sie: "Verzeihung, haben Sie zufällig eine Erstausgabe von Thomas Manns "Wälsungenblut"?" Sie zieht die Augenbrauen leicht nach oben (spöttisch oder anerkennend? Oder einfach überrascht?) und zum ersten Mal höre ich ihre Stimme, als sie antwortet: "Nein. Aber ich kann es bestellen." Pause. "Ist aber nicht ganz billig." Erneute Pause. Sie lächelt wieder. "Waren wir nicht schon per Du?" Ich strahle zurück. Das läuft ja besser als erwartet!

"Der Preis spielt keine Rolle", erwidere ich großzügig. Was wird so ein Schinken schon kosten, denke ich dabei. Zur Not leihe ich mir halt wieder einen Hunni von meinem Nachbarn. Die Schöne holt ein Formular aus einer Schublade, die aussieht, als sei sie das letzte Mal geöffnet worden, als Kaiser Wilhelm noch in Amt und Würden war. "Ich brauche aber eine Anzahlung", meint sie. "Kein Problem", sage ich. "Reichen 20 Euro?" - "Leider nicht." Sie lacht. "Ein Drittel des Kaufpreise wäre schon notwendig. Also so etwa 1.000 Euro." Mir stockt der Atem. "Entschuldige", stammele ich. "Ich habe dich wohl falsch verstanden. Wieviel meintest du nochmal?" Das Blut dröhnt in meinen Ohren. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.
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