
8 Uhr morgens, die Welt scheint noch in Ordnung zu sein. Es regnet natürlich. Schließlich ist Frühling in Berlin. Da weiß man, worauf man sich einzustellen hat. Macht aber nichts. Unverdrossen sattele ich mein Fahrrad und fahre los. Nach wenigen Minuten erreiche den nahe meiner Wohung gelegenen Sportplatz, wo ich dreimal die Woche joggen gehe. Der Regen hat ein bisschen nachgelassen, es tröpfelt nur noch vor sich hin. Ich stecke mir die Kopfhörer ins Ohr, drehe den Sound auf und ziehe mir die Kapuze über den Kopf. Bei Strom bin ich vorsichtig.

Nach einigen Runden gehe ich voll und ganz im Laufen auf, meine Füße schlagen den Takt mit, den mir meine Kopfhörer zuknistern, mein Atem geht regelmäßig und mein Kopf ist frei, über alles mögliche nachzudenken, hauptsächlich darüber, wie die scharfe Vietnamesin, die mir gerade im Treppenhaus entgegenkam, wohl ohne ihre engen Jeans aussieht. Beim Laufen denke ich meist entweder an sexuelle Dinge oder an etwas, das mich wütend macht, eklatante Beispiele von Intoleranz oder Dummheit, menschliches Versagen von seiner unschönen und humorfreien Seite. Sex und Wut - zwei Dinge, die mich antreiben. Ich steigere das Tempo.
Als ich bei der zwölften Runde bin und gerade in die letzte der vier Kurven einbiege, sehe ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung an der Gittertür, die den einzigen Zugang zum Sportplatz darstellt. Ich schiebe die Kapuze ein wenig beiseite und sehe einen Mann mit Hund den Platz betreten. Eigentlich schätze ich Gesellschaft beim Joggen ja nicht, und Hundebesitzer stehen in meiner Topliste der sympathischen Mitmenschen auch nicht gerade ganz oben, aber ich will ja nicht unhöflich sein und nicke dem Mann unverbindlich zu. Er grüßt zurück, aber obwohl ich aufgrund meines rasanten Tempos nur einen flüchtigen Blick auf ihn werfen und wegen der Kopfhörer nichts hören kann, habe ich doch intuitiv den Eindruck, dass irgendetwas mit dem Kerl nicht stimmt. Egal, ich bin beschäftigt, trapp trapp trapp machen meine Laufschuhe auf dem Tartan, ich biege in die 13. Runde ein.

Das Laufen geht jetzt leicht von der Hand bzw. den Füßen. Mein Körper hat sich voll darauf eingestellt, ich gehe ganz im Rhythmus des Laufens, der sich untrennbar mit dem Rhythmus der Musik aus meinem mp3-Player verbunden hat. Schritt, Bumm, Schritt, Bumm, Schritt, Bumm. Ich erreiche einen Zustand, der nahe an Harmonie heranreicht. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt, sogar der Regen trägt seinen Teil dazu bei, indem er die Luft angenehm frisch macht. Herrlich. Ich biege beschwingt in die Kurve ein, noch eine Runde, ich genieße diese letzten Meter.
Plötzlich werde ich unsanft aus meinem Rhythmus gerissen. Der Mann mit dem Köter steht auf einmal mitten in meinem Weg. Ich versuche, ihm auszuweichen, aber er lässt mich nicht vorbei. Unverwandt starrt er mich an. Ärgerlich über die Störung so kurz vor dem Ende will ich ihn einfach beiseite schieben, aber er schlägt meine Hand weg. Sein Hund knurrt mich an. "Was soll denn das?", frage ich wütend. "Was wollen Sie von mir?" Er antwortet nicht, grinst nur höhnisch. "Hören Sie, noch eine Runde, dann bin ich sowieso fertig. Lassen Sie mich vorbei, dann können wir über alles reden", versuche ich, an einen möglicherweise vorhandenen Rest Vernunft bei dem Mann zu appellieren. Stumm schüttelt er den Kopf.

Jetzt wird es mir zu blöd. Mit einer raschen Körperdrehung mache ich einen Satz zur Seite und gebe dann Gas, laufe mit langen Schritten in Richtung des halbhohen Zaunes, der den Sportplatz umgibt. Der Überraschungsmoment ist auf meiner Seite, in wenigen Augenblicken erreiche ich den Zaun, erklimme ihn mit einigen raschen Handgriffen und springe auf der anderen Seite herunter. Wütend bellt mich der Hund des Mannes, der mir gefolgt ist, durch die Gitterstäbe des Zaunes an. Ich lache ihm ins Gesicht, wohl wissend, dass der Zaun seine Sprungkraft bei weitem überfordert. Sein Herrchen steht immer noch da, wo ich ihn stehengelassen habe. Er schaut nicht mal in meine Richtung. Der Regen wird wieder stärker, aber der Mann macht keine Anstalten, sich ins Trockene zu bringen. Er steht einfach auf der Laufbahn, sein Hund ist wieder zu ihm zurückgekehrt und gemeinsam werden sie vom Regen bis auf die Knochen durchnässt. Mit einem seltsamen Gefühl zwischen Erleichterung und Befremden laufe ich im Trabschritt nach Hause. Mein Fahrrad kann ich auch morgen holen. Wenn es noch da ist.
Autor: Oliver Marquart
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