Dienstag, 31. Mai 2011

Mailand oder Madrid - Hauptsache Berlin!

"Zweimal, bitte", informiere ich den Mann, der in seinem kleinen Kartenhäuschen sitzt. "Macht dann zusammen zehn Euro", erwidert er ungerührt. Ganz schön teuer für Bezirksliga. Egal. Das Erlebnis Amateurfußball hat eben auch seinen Preis. Wo erlebt man sonst noch diese, jawohl, Authentizität, die sich in harten Fouls, nicht vorhandener Taktik und Bratwurstgeruch ausdrückt? Eben, nirgendwo.

Gleich neben dem Eingang befindet sich der Grillstand, es gibt hausgemachte Bulletten für 2 Euro, Nackensteaks, Hähnchenschenkel und Bratkartoffeln. Alles bezahlbar, alles authentisch. Am Spielfeldrand des Kunstrasenplatzes steht ein junger Mann, auf dessen T-Shirt "Gegen den modernen Fußball" steht. Am Abend zuvor habe ich das Champions-League-Finale Barca gegen ManU gesehen, hochmoderner Fußball, ein unfassbar hohes technisches Niveau, Kurzpassspiel von einem anderen Stern. Heute steht dagegen eher biedere Hausmannskost auf dem Programm. Der SV Blau-Weiß Berolina Mitte empfängt den FC Litria. Berolina ist die letzte Bastion der Nicht-Yuppies und Nicht-Hipster in Mitte. Am Spielfeldrand sitzen, wie bei allen Amateurspielen, viele alte Männer, aber hier tragen sie Schnauzer und sehen so aus, als hätten sie in ihrer Vorkriegsjugend mindestens mal etwas mit einer Tänzerin gehabt, die mal was mit Berthold Brecht gehabt hat. Coole alte Knaben also, nicht der spießige Nazi-Rentner mit Stasi-Vergangenheit, der sich sonst so auf Berliner Amateurplätzen herumtreibt.

Frauen sind auch ein paar gekommen, keine schicken Muttis mit Gucci-Brille und angeborenem gelangweilten Gesichtsausdruck, sondern echte Weiber, dezent aufgebretzelt, enge Jeans, Nase und Titten frech in den Wind und ostentativ keine Ahnung vom Fußball, aber eine Schwäche für die durchtrainierten jungen Kerle, die nun, da es kurz nach 2 an diesem Sonntagnachmittag ist, beginnen, wie wild hinter dem vom standesgemäß gedressten Schiedsrichter freigegebenen Ball herzujagen.

Das Spiel geht hin und her, rauf und runter, der Kunstrasen ermöglicht es auch den technisch arg limitierten Spielern, ein paar nette Kombinationen hinzulegen. Einer, er trägt die Nummer 12 auf seinem Trikot, hat gerade drei Gegenspieler genarrt und will nun in den Strafraum eindringen, als ihn ein gegnerischer Beinschlag jäh zu Fall bringt: die authentische Blutgrätsche mal wieder. Er krümmt und windet sich und man weiß, das ist echt, der macht da keine Show, denn es sind keine Fernseh- oder sonstige Kameras auf ihn gerichtet, nur die Augen von echten, authentischen Fußballfans.

Für den 12er ist das Spiel vorbei, humpelnd geht er vom Platz. Der Trainer, der im Nebenjob heute auch den Linienrichter gibt (was bedeutet, dass er ohne großen Enthusiasmus eine kleine Fahne hält, mit der er ab und zu winkt und seinen Spielern Zeichen gibt), ist ratlos. Er hat keine Auswechselspieler dabei, es ist der letzte Spieltag und Berolina steht bereits als Aufsteiger fest, da rechnet keiner mit so einer Verletzung. Suchend blickt er sich um, mustert die Spielerfreundinnen und die alten Männer, bis sein Blick auf mich fällt. Er grinst, hebt herausfordernd eine Augenbraue und fragt mich: "Schon mal Fußball gespielt?" Ich nicke. "Worauf warteste dann? Ab in die Kabine, Trikot an und los!", raunzt er mich in herrlich authentischem Fußballtrainer-Duktus an. Was bleibt mir anderes übrig? Schicksalsergeben erhebe ich mich. Die Pflicht, ja, das Vaterland ruft. Ich werde vermutlich schwere Verletzungen davontragen, weil ich weder trainiert noch aufgewärmt bin, aber egal. Schon als kleiner Junge wollte ich bei einem Verein spielen, aber Gymnasiasten nahmen die nicht, nicht authentisch genug, zu sensibel, so dachten die damals. Aber jetzt ist meine Chance da, und ich werde sie nutzen, die Bezirksliga ist nur der Anfang, nächstes Jahr spielen wir ja Landesliga, und ich bin dabei, ich werde eine Riesensaison spielen, ich werde Torschützenkönig, ich...

"Setz dich mal wieder, Junge. War doch nur 'n Witz. Glaubst du vielleicht, ick wechsel hier einfach irgendso 'nen Heini von der Straße ein? Außerdem haste ja auch noch 'ne Brille auf. So 'ne Interlektellen kann ick hier nich brauchen." Die knarzige Trainerstimme reißt mich unsanft aus meinen Träumen. Schon ist meine Karriere als Torjäger wieder beendet, so schnell geht das manchmal im modernen Fußball.



Autor: Oliver Marquart

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