
Sarrazin hat ein Buch geschrieben - und der 'Spiegel' ist so freundlich, uns schon mal einen Vorgeschmack auf das zu geben, was die Deutsche Verlags-Anstalt da am 30. August auf uns loszulassen gedenkt. Nicht besonders überraschend, dass die Lektüre wenig erbauliches verspricht.
Schon die fünf Seiten im 'Spiegel' sind so randvoll angefüllt mit Halb- oder glatten Unwahrheiten, unlogischen Schlüssen, unbegründeten Behauptungen und groben Vereinfachungen, dass es schwer fällt, alle aufzuzählen.
Dennoch will ich auf ein paar besonders auffällige Ungereimtheiten eingehen.
Erstaunlicherweise gibt der Bundesbanker nach einer launigen Einleitung und einer mangelhaften Zusammenfassung der Gastarbeitergeschichte umumwunden zu: "Belastbare empirisch-statistische Analysen, ob die Gastarbeiter und deren Familien für Deutschland überhaupt einen Beitrag zum Wohlstand erbracht haben oder erbringen werden, gibt es nicht." Im Klartext: Ob oder ob nicht - man weiß es nicht. Das hindert S. aber nicht daran, wild zu spekulieren und seiner Meinung freien Lauf zu lassen: "Für Türken und Marokkaner wird man diese Frage sicher verneinen können", behauptet er. Seine Begründung: "Zu groß das Mißverhältnis zwischen der Zahl der der ursprünglichen Gastarbeiter und dem dadurch ausgelösten Nachzug großer Familienverbände." Nun, das ist gar nichts gegen das Missverhältnis zwischen nicht vorhandenen "belastbaren empirisch-statistischen Analysen" und reichlich vorhandenen unbegründeten Behauptungen wie der soeben zitierten in Sarrazins Text.
Macht nichts, merkt sicher keiner. Deshalb gleich die nächste Behauptung. Nicht nur, dass "muslimische Migranten" (die S. als böse, i.e. nutzlose Ausländer ausgemacht zu haben glaubt) den Staat mehr kosten als sie an wirtschaftlichem Mehrwert einbringen (auch diese These wird nicht belegt), nein - "Kulturell und zivilisatorisch bedeuten die Gesellschaftsbilder und Wertvorstellungen, die sie mitbringen, einen Rückschritt." Donnerwetter - ein Satz, wie in Scheiße gemeiselt. Leider erklärt S. an dieser Stelle nicht, wieso die fortschrittlichen Weltbilder von guten, deutschen Hooligans, Rockerbanden, rechtsradikalen Schlägern, Steuerhinterziehern, Frauenhassern und Antisemiten davon bedroht sein soll, dass in Deutschland auch Menschen leben, die nicht dem Christentum anhängen.
Großzügig räumt S. immerhin ein: "Es reicht aus, dass Muslime unsere Gesetze beachten." Hier ist dem Ex-Senator zweifelsfrei zuzustimmen. Außer ihm traut sich ja leider niemand, solche bahnbrechenden Erkenntnisse unters Volk zu bringen. Die revolutionäre Forderung des Visionärs lautet schließlich: "Wer da ist und einen legalen Aufenthaltsstatus hat, ist willkommen. Aber wir erwarten von euch, dass ihr die Sprache lernt, dass ihr euren Lebensunterhalt durch Arbeit verdient, usw. usf." - kurz, alles, was das Zuwanderungsgesetz schon längst beinhaltet.
Ein bisschen Zucker für die Freunde von Zwangsmaßnahmen und Nötigung gibt es dann aber doch noch: "Jeder Arbeitsfähige, der Unterstützung erhält, muss sich an gesetzlichen Arbeitstagen zur festgesetzten Uhrzeit dort einfinden, wo er eingeteilt ist." Arbeitslager mit menschlichem Antlitz also. Sowas gefällt manchen eben.
"Was vernünftig ist, ist stets auch möglich", gibt sich S. überzeugt. Wie sein Buch dann überhaupt möglich sein kann, verschweigt er allerdings.